Holz

„Na, mein Junge, da werden wir mal sehen, aus welchem Holz du geschnitzt bist!“

„Nicht nötig. Balsaholz.“

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Briefe

Ich habe Tausende Briefe geschrieben.
Niemand war vor meinen Briefen sicher.
Es ist der Gedanke, der zählt,
nicht der Mensch drumherum.

Mein Traum in den Neunzigern:
Brieffreunde haben in aller Welt.

Einmal eine Flaschenpost finden.

E zu dem M zu dem I zu dem L zu dem Y

Ich habe eine neue Sammlung mit Gedichten von Emily Dickinson. Dabei sind einige, die ich noch nicht kannte. Zum Beispiel dieses hier:

By a departing light
We see acuter, quite,
Than by a wick that stays.
There’s something in the flight
That clarifies the sight
And decks the rays.

Und ein weiteres möchte ich euch auch nicht vorenthalten, weil es mir beim Lesen ein langanhaltendes Lächeln entlockt hat:

How happy is the little Stone
That rambles in the Road alone,
And doesn’t care about Careers
And Exigencies never fears —
Whose Coat of elemental Brown
A passing Universe put on,
And independent as the Sun
Associates or glows alone,
Fulfilling absolute Decree
In casual simplicity —

„Acute“ ist auch Dickinsons Lyrik, finde ich, scharfsinnig und mit einem Blick für das Besondere im Alltäglichen ausgestattet, für das Poetische inmitten der „casual simplicity“. Ihre Gedichte haben oft etwas Naives an sich — im besten Sinne von „naiv“ — und sind zugleich tief, schwer.

Da fällt mir ein, dass ich vor vielen Jahren im Philosophieunterricht einmal lang und breit und mit vielen Worten die Stimmung auf einem Bild zu beschreiben versucht habe, bis mein Lehrer meinen stammelnden Wortschwall mit der Frage „Melancholie?“ zum Ende und auf den Punkt gebracht hat. Vielleicht ist „Melancholie“ das Wort, das ich suche — aber wie kann ein so kleines Wort all die widersprüchlichen Eigenschaften in sich vereinen, die Dickinsons Gedichte zum Ausdruck bringen? Die tiefe Weisheit bei gleichzeitiger Naivität, das Schwere im Leichten, das Komplexe im Einfachen? Irgendwie bin ich immer noch nicht davon überzeugt, dass ein so simples Wort wie „Melancholie“ dem ganz gerecht wird. Also bleibe ich beim hilflosen Stottern 🙂

Ein folgenschweres Versehen

Ich lebte drei Tage vegan
doch dann habe ich mich vertan
und statt Sojaschokolade
versehentlich Milka gegessen.

Schade.*

*Diese Geschichte basiert auf realen Ereignissen, wie sie sich täglich hundertfach in der Bundesrepublik ereignen. (Mal ehrlich, was sonst sollte ein Ereignis tun? Soll es etwa passieren? Stattfinden? Ich finde, sich zu ereignen ist die einzige dem Ereignis gerechte Art und Weise, stattzuhaben.) Die Namen der Lebensmittel wurden auf Wunsch aller Beteiligten verändert.

Traumfragment

Ich bin in Lüttelforst, auf dem ehemaligen Bauernhof meiner Großeltern. Meine Oma ist nach einem langen Kuraufenthalt wieder einmal für ein Wochenende zuhause und erinnert mich etwas vorwurfsvoll daran, dass wir ja auch ruhig einmal hätten skypen können, das sei ja so einfach heutzutage und anders könne man über so große Distanzen ja gar nicht in Kontakt bleiben. Die Nachbarin, Frau G., nutze Skype schließlich auch schon lange. Und so hätte sie, also meine Oma, einfach immer nebenbei den Computer laufen, dann sehe man ja sofort, wenn jemand online sei. Ich erwidere, dass ich sehr gerne häufiger skypen würde, aber immer davon ausgegangen sei, dass solcher PC-Kram meiner Oma lästig sei. Wir einigen uns darauf, bei Omas nächstem Kuraufenthalt alles anders zu machen.

Mit meinem Bruder mache ich mich anschließend auf den Fußweg zu REWE, wir wollen noch eine Kleinigkeit einkaufen. Dabei waten wir durch hüfthohes, aber glasklares Wasser, das vor Fischen und anderem Meeresgetier nur so strotzt. Unterarmlange Fische scharwenzeln um unsere Beine und uns kommt das alles überhaupt nicht komisch vor, ein fischgesättigtes Fließgewässer mitten in Lüttelforst.

Das Gesicht meines Bruders ist weiß geschminkt wie das eines Pantomimen. Das wundert mich dann schon. Aber er erklärt, er  sei gestern auf einer Party eingeladen gewesen, auf welcher ein WG-Casting nachgestellt worden sei — deshalb die Gesichtsbemalung, alles klar.

Ich erwähne, dass ich noch vor zehn Jahren locker zwölf Eis (gemeint war Speiseeis am Stiel, so wie Magnum) in einer Nacht essen konnte.

Old habits die hard

Eigentlich hatte ich kürzlich — um genau zu sein, vorgestern — den Entschluss gefasst, alle hier herumliegenden ToDo-Listen zu vernichten und vorerst keine neuen mehr zu schreiben. Ich nehme mir nämlich häufig so viel vor, dass alles zum Erliegen kommt. Dann mag ich vor lauter „Ich müsste“ nur noch schlafen oder im Zombiemodus Netflix schauen.

Gestern habe ich dann allerdings wieder eine (aber immerhin: nur eine!) Liste geschrieben, nämlich eine Leseliste für die nächsten anderthalb Wochen. Darauf stehen die folgenden Titel:

  • The Harm in Hate Speech von Jeremy Waldron,
  • Epistemic Injustice von Miranda Fricker und
  • Speech & Harm von Ishani Maitra und Mary Kate McGowan.

Und jetzt nehme ich mir einfach mal vor, hier jeweils eine Rezension der Bücher zu verfassen, um sozusagen die accountability zu erhöhen. Vielleicht streue ich auch das ein oder andere Gedicht ein. Lesen müssen muss das selbstverständlich niemand 😉

Zeit, über Zeit zu lesen

Im Moment mache ich nicht sehr viel. In den kühleren Morgenstunden gehe ich ins Freibad oder laufe im Wald meine Joggingrunde… Die Mittage und Nachmittage der vergangenen Woche habe ich — als Tierchen mit einer Wohlfühltemperatur von maximal 25 Grad — in einem beinahe komatösen Zustand verbracht, aus dem mich nicht einmal mein selbstgemachter Eiskaffee retten konnte. Und so kam nach einigen Tagen, an denen ich die Sonne nur zwischen sechs und zehn Uhr morgens zu Gesicht bekommen und mich ansonsten in unserer abgedunkelten Wohnung verbarrikadiert habe, irgendwann eine Art agitierter Langeweile auf. Ich habe mich alleine gefühlt und so, als ob meine Existenz irgendwie ins Leere läuft. Das war nicht so schön.

Und dann habe ich gestern einfach mal wieder „Momo“ gelesen. Es ist nicht so, als hätte ich das schon besonders oft getan; ich glaube, ich habe es nur einmal mit elf oder zwölf oder dreizehn gelesen. Es war auch nicht mein Lieblingsbuch oder so. „Ronja Räubertochter“ hat mich damals eher gepackt, und auch „Der satan[undsoweiter] Wunschpunsch“ oder „Katzenkönig Mauzenberger“ 🙂 (Vielleicht ist „Momo“ auch eher ein Buch für Erwachsene. Als Kind kannte ich einfach keine Zeitdiebe. Und kaum Langeweile.) Aber das, was Beppo über das Straßenkehren sagt, das ist hängengeblieben, daran habe ich mich über die Jahre immer und immer wieder erinnert — immer nur an den nächsten Besenstrich denken, niemals an die ganze Straße. Alle Gedanken, alle Energie in den einzelnen Besenstrich legen, und am Ende kehrt sich die Straße fast wie von allein.

Ich hätte einige Straßen zu kehren im Moment. Meine Dissertation müsste irgendwann einmal irgendwo veröffentlicht werden, ein Aufsatz geschrieben, zwei Seminare vorbereitet… Vielleicht schaffe ich es ja, in den Momenten, in denen ich meine Straßen nicht kehre, auch nicht ans Kehren zu denken. Und in den anderen Momenten einfach Besenstrich für Besenstrich vorzugehen. Das wäre schön.

Blödmond

Schon fast anderthalb Stunden waren wir zuerst durch die Dämmerung, dann schließlich durch die nächtliche Stadt spaziert, mit einem Eis auf der Hand oder, später, den Händen in den Taschen kreuz und quer durch Straßen und Parks getrabt, unsere Nasenspitzen gen Osten gerichtet, den Blick an die kreisförmige Leerstelle am Horizont geheftet, wo er sich uns zu zeigen versprochen worden war, der Blutmond, das Jahrhundertereignis.

„Blödmond!“, entfuhr es mir irgendwann auf einem staubigen Parkplatz. Und jetzt würde ich gerne schreiben, dass sich unmittelbar im Anschluss wie von Zauberhand langsam eine kleine Wolke zur Seite schob und dahinter — potzblitz! — der blutrote, perfekt kreisförmige, riesengroße, beeindruckende und jahrhundertereignisgerechte Mond zum Vorschein kam, aber so war es nicht.

Stattdessen erfreute ich mich an meiner Wortneuschöpfung und murmelte gut zwei Kilometer weit wie eine Beschwörung: „Blödmond! Von wegen Blutmond, Blödmond. Ha, Blödmond, Blödmond.“

Und dann, gegen halb elf, kurz bevor wir zurück an unserem Ausgangspunkt gewesen wären, sahen wir ihn doch noch. Den zartroten, beinahe ätherischen Blutmond. Das war schön.