Weißes Gold

Heute Morgen habe ich mir dicke Wollsocken über die zarten Füßchen gezogen, meine Laufschuhe geschnürt, mir eine Bommelmütze mit Ohrenklappen übergestülpt und bin raus in das herrliche Laufwetter.

Der Wald war ganz verschneit, die Temperaturen aber wesentlich milder als an den vergangenen Tagen — und die Sonne hat zusätzlich gewärmt. Richtig schön war’s, auch wenn sich das Laufen durch den Schnee ungewohnt anstrengend angefühlt hat.

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Entrückung

Baumi war ein Nadelbaum
und ein wahrer Weihnachtstraum.
Dunkelgrün und kerzengerade
stand er liebevoll geschmückt
mit Kugeln, Lichtern, Schokolade
im Wohnungsflur
und wir standen ganz entrückt
daneben nur.

Heute ging es auf die Schnelle
ab zur Christbaumsammelstelle.

Spiderpferd

Gestern, am 01. Januar, ist Lorenc gestorben. Im März wäre er 28 Jahre alt geworden. Ich habe ihn vor zwölf Jahren, etwa ein Jahr nach Beginn meines Studiums, wegen akuter Geld- und Zeitnot abgegeben und bin sehr dankbar, dass ihm seitdem weitere Stall- und Besitzerwechsel erspart geblieben sind.

Wir waren oft allein–zu zweit–unterwegs, meistens im Wald, manchmal im Dunkeln, ausgestattet mit Reflektoren (Lorenc) und neonorangener Warnweste (ich). Einmal sind wir aber auch zur Eisdiele in der angrenzenden Kleinstadt geritten, ein anderes Mal haben wir den Reitschüler einer Freundin publikumswirksam bis vor seine Haustür im ansonsten pferdefreien Wohngebiet begleitet. An Karneval haben wir uns als Baustelle verkleidet (das geht!) und zusammen mit einem Zebra das Dorf unsicher gemacht. Wir haben viele Rehe gesehen auf unseren Ausritten und einmal sogar Frischlinge.

Aber die vielen gemeinsamen Ausritte sind nur ein kleiner Teil der Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Das Füttern und Misten, das Abäppeln der Weiden, das Putzen, das Waschen im Sommer, das Huferaspeln, das winterliche Leinsamenkochen… Das alles war oft anstrengend. Und schön. Lorenc, und all die Tätigkeiten, die die Haltung eines Pferdes so mit sich bringt, waren für mich da in einer Zeit, in der ich nicht so recht wusste, was ich mit mir anfangen sollte.

Lorenc war so ein schönes Pferd, und sanft und klug. Als hätte er gewusst, dass aus großer Kraft große Verantwortung folgt.

Spiderpferd

Traumfragment

Ich stehe auf dem Garagenhof und hebe meinen Blick, am eisblauen Himmel zieht eine untypische Storchenformation vorbei. Ein Storchencluster mit nahezu quadratischen Umrissen, bestehend aus etwa zwanzig mosaikförmig angeordneten, paarweise ineinander verhakten Vögeln. Das Cluster befindet sich im Webflug, als Ganzes schaukelt es rhythmisch von links nach rechts. Inmitten des Clusters befindet sich ein vereinzelter Storch. Ihm fehlt der Hakenpartner, weil er eine schwangere Störchin simuliert, zu deren Schutz der Clusterformationsflug eigentlich dient.

Babylonische Zustände

Über meinen Opa, einen regelrechten Computerpionier, habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Unterschlagen habe ich dabei seine manchmal sehr niedlichen Versuche, mit den vielen englischen Ausdrücken zurechtzukommen, die einem im Zusammenhang mit technischem Gerät ja ständig begegnen. So hat mein Opa beispielsweise über einen langen Zeitraum bevorzugt „Miniwepper“ gespielt — Minesweeper, ein Spiel ganz nach meinem Geschmack. Und auf seinen Streifzügen durch das weltweite Netz begleitet ihn heute der mythische „Fairyfox“, der vielleicht auch einfach ein Gerechtigkeitsfanatiker ist.

Was mir mal schlaflose Nächte bereitet hat, mir mittlerweile zum Glück aber nur noch egal ist

  • Woher ich fünfzig Pfennig für die Klassenkasse nehmen soll, wo ich die eigentlich dafür vorgesehenen Pfennige doch bereits in Süßigkeiten investiert habe.
  • Ob wir am Sonntag wohl zur Oma nach L. fahren, damit ich dort ungestört Trickfilme schauen kann. Ob meine Cousins auch da sein werden.
  • Ob es eine schlechte Idee war, V. einen Liebesbrief auf Diddl-Maus-Papier zu schreiben.
  • Ob meine Brille irgendwie mein Gesicht verunstaltet.
  • Ob ein Brandstifter auf die Idee kommen könnte, unser Haus anzuzünden (und ob wir das rechtzeitig bemerken würden).
  • Ob Falli, die kleine Amsel, die von uns nach einem Sturz aus dem Nest aufgepäppelt wurde, nach ihrer Auswilderung von der Nachbarskatze verschont worden ist. (Naja, das ist mir nicht wirklich egal. Ich hoffe sehr, dass Falli davongekommen ist. Man beachte den einfallsreichen Namen. Für meine Stofftiere habe ich mir ähnlich extravagante Namen ausgedacht: die Schildkröte hieß „Schilti“, das Zebra „Zebri“, der Pinguin „Pingu“ — man versteht das Prinzip…)
  • Ob Herr L. mich mit seiner furchterregend tiefen Stimme an die Tafel rufen wird.
  • Ob ich mit meiner neonorangenen Erstklässlerschärpe, die ich dank meines Vaters auch in der zweiten und dritten Klasse noch zur Sicherheit für den Schulweg umlegen muss, nicht irgendwie uncool aussehe.

Mantra

Ich nähere mich dem Ende. Ich umkreise das Ende wie die Mücke das Licht. Ich schleiche um das Ende wie eine Katze um eine Büchse voller Ölsardinen. Nur die Wurst hat zwei. In konzentrischen Kreisen fühle ich mich in das Ende ein, ich schwinge im Endrhythmus, schwanke im Endtaumel, ende im Schwankschwindel? Ich nehme den Endfaden auf, fädel den Endfaden mit ungelenken Fingern in das Öhr der heißen Nadel, mit der ich das Ende zu stricken gedenke. Hinein mit dir ins Gewebe, Endfaden!