Babylonische Zustände

Über meinen Opa, einen regelrechten Computerpionier, habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Unterschlagen habe ich dabei seine manchmal sehr niedlichen Versuche, mit den vielen englischen Ausdrücken zurechtzukommen, die einem im Zusammenhang mit technischem Gerät ja ständig begegnen. So hat mein Opa beispielsweise über einen langen Zeitraum bevorzugt „Miniwepper“ gespielt — Minesweeper, ein Spiel ganz nach meinem Geschmack. Und auf seinen Streifzügen durch das weltweite Netz begleitet ihn heute der mythische „Fairyfox“, der vielleicht auch einfach ein Gerechtigkeitsfanatiker ist.

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Was mir mal schlaflose Nächte bereitet hat, mir mittlerweile zum Glück aber nur noch egal ist

  • Woher ich fünfzig Pfennig für die Klassenkasse nehmen soll, wo ich die eigentlich dafür vorgesehenen Pfennige doch bereits in Süßigkeiten investiert habe.
  • Ob wir am Sonntag wohl zur Oma nach L. fahren, damit ich dort ungestört Trickfilme schauen kann. Ob meine Cousins auch da sein werden.
  • Ob es eine schlechte Idee war, V. einen Liebesbrief auf Diddl-Maus-Papier zu schreiben.
  • Ob meine Brille irgendwie mein Gesicht verunstaltet.
  • Ob ein Brandstifter auf die Idee kommen könnte, unser Haus anzuzünden (und ob wir das rechtzeitig bemerken würden).
  • Ob Falli, die kleine Amsel, die von uns nach einem Sturz aus dem Nest aufgepäppelt wurde, nach ihrer Auswilderung von der Nachbarskatze verschont worden ist. (Naja, das ist mir nicht wirklich egal. Ich hoffe sehr, dass Falli davongekommen ist. Man beachte den einfallsreichen Namen. Für meine Stofftiere habe ich mir ähnlich extravagante Namen ausgedacht: die Schildkröte hieß „Schilti“, das Zebra „Zebri“, der Pinguin „Pingu“ — man versteht das Prinzip…)
  • Ob Herr L. mich mit seiner furchterregend tiefen Stimme an die Tafel rufen wird.
  • Ob ich mit meiner neonorangenen Erstklässlerschärpe, die ich dank meines Vaters auch in der zweiten und dritten Klasse noch zur Sicherheit für den Schulweg umlegen muss, nicht irgendwie uncool aussehe.

Mantra

Ich nähere mich dem Ende. Ich umkreise das Ende wie die Mücke das Licht. Ich schleiche um das Ende wie eine Katze um eine Büchse voller Ölsardinen. Nur die Wurst hat zwei. In konzentrischen Kreisen fühle ich mich in das Ende ein, ich schwinge im Endrhythmus, schwanke im Endtaumel, ende im Schwankschwindel? Ich nehme den Endfaden auf, fädel den Endfaden mit ungelenken Fingern in das Öhr der heißen Nadel, mit der ich das Ende zu stricken gedenke. Hinein mit dir ins Gewebe, Endfaden!

Ausschlag

Ich habe Ausschlag. Im Gesicht, also nur im Gesicht. Seit zwei Tagen schon. Er juckt nicht wirklich und tut auch nicht weh, aber ich kann mir sein plötzliches Erscheinen auch nicht erklären. Vielleicht ist es der Stress. Oder mangelnde Frischluftzufuhr, denn ich sitze ja seit Wochen nur noch am Schreibtisch. Ich bewege mich kaum, selbst die Rudermaschine wird zurzeit nur selten genutzt. Und von meinem anfänglichen Bestreben, mich wenigstens gesund zu ernähren, um den Sport- und Frischluftmangel zumindest teilweise elegant abzufedern, ist auch nicht viel übrig geblieben. Deshalb sehe ich jetzt ungefähr so aus:ausschlag.png
Scheiße, oder?

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wissen wir denn, was wir tun? Wissen wir das jemals? Ist es nicht vielmehr so: Wir sind irgendwie, wir handeln, wir färben uns die Haare und hängen mit Freunden rum und brechen die Schule ab, gehen zum Arzt, fangen an zu Rauchen, hören wieder auf, gehen ins Kino. Vielleicht heiraten wir. Von manchen unserer Handlungen, unserer Daseinsphasen künden Zeugnisse: Wir schreiben etwas nieder oder malen oder werden fotografiert. Und Jahre später betrachten wir unsere literarischen und sonstigen Ergüsse, die Beweise unserer mehrjährigen Existenz, wie jene eines Fremden, wir erkennen uns nicht wieder. Manchmal beeindruckt uns das, was uns da entgegentritt, manchmal—öfter—ist es schlicht peinlich. Aber das Rätsel ist doch: Wie können wir uns selbst so schnell so fremd werden?

 

Geschichte einer Verweigerung

Wollte man Yong-Hye mit nur einem Adjektiv charakterisieren, so wäre es „farblos“. Die Protagonistin des Erstlingsromans der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang ist still, pflichtbewusst und unauffällig–bis sie sich eines Tages entscheidet, „Die Vegetarierin“ (so der Titel des Romans) zu werden.

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Han Kangs mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetes Romandebüt erzählt die Geschichte einer stillen Verweigerung; einer Verweigerung, die in der Auslöschung der eigenen Existenz, im Selbstverzehr gipfelt.

Yong-Hyes Entwicklung von der ersten, zaghaften Weigerung, Fleisch zu essen bis zu ihrem Tod in der Psychiatrie wird aus drei Perspektiven erzählt–der ihres Ehemanns (Teil 1), der ihres Schwagers (Teil 2) und jener ihrer Schwester (Teil 3). Jede Erzählperspektive ist mit einer Stufe in Yong-Hyes Entwicklung verknüpft: Der Ehemann kommentiert die Anfänge von Yong-Hyes Vegetarismus bis zur ersten Einweisung in ein Krankenhaus, der Schwager begleitet Yong-Hye nach ihrer Entlassung für die Dauer einer kurzen, obsessiven Affäre, die Schwester erzählt von Yong-Hyes letzten Lebenswochen und ihrem selbstbestimmten Tod.

Besonders der erste Teil der Geschichte hat mich fasziniert… Die Erzählung aus der Perspektive von Yong-Hyes Ehemanns ist verstörend, weil sein Blick auf seine junge Ehefrau jegliches Mitgefühl und Interesse an ihrer Innenwelt vermissen lässt–man könnte meinen, er beschreibe ein Möbelstück, oder meinetwegen einen Roboter, aber keinen Menschen. Das einzig Bemerkenswerte an Yong-Hye ist aus Sicht ihres Mannes ihre Weigerung, einen BH zu tragen; für den Leser deutet sich hier freilich (eigentlich benutze ich dieses Wort nicht, weil es zu sehr nach Seminararbeit klingt, aber diesmal musste es sein) bereits ihr Wunsch an, sich aus dem starren Korsett gesellschaftlicher Erwartungen zu befreien. Irgendwann beschämt Yong-Hye ihren Ehemann dann bei einem Geschäftsessen, weil sie weder am Tischgespräch teilnehmen noch von den opulenten Fleischgerichten kosten mag.

Yong-Hyes zunehmende Essensverweigerung wird nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch vom Rest der Familie als Provokation aufgefasst. Bei einem Familientreffen spitzt sich die Situation schließlich zu und mündet, nachdem Yong-Hyes Vater seine Tochter vor den Augen der Verwandtschaft mit Gewalt zum Essen gezwungen hat, in ihren ersten, öffentlich zelebrierten, Selbstmordversuch.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt, was meine Sympathie für solche Geschichten eigentlich über mich aussagt… Zuerst mal ist da meine ganz grundsätzliche Faszination für die Idee des Ausbrechens. Ich hatte irgendwann einmal den Plan, einen Kurzgeschichtenband mit dem Titel „Geschichten vom Ausbrechen“ zu verfassen. Und Yong-Hyes Totalverweigerung scheint mit eben genau das zu sein, ein mehr oder weniger geglückter Ausbruchsversuch. Zweitens habe ich gelegentlich das Gefühl, als schwelte unter der Oberfläche von vielen menschlichen Beziehungen–zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Freunden, Ehepartnern–eine gewisse uneingestandene (Lust an der) Gewalt. Das klingt jetzt vermutlich dramatischer, als ich es meine; wahrscheinlich auch, weil ich den Begriff „Gewalt“ sehr weit verstehe. Jedenfalls gelingt es Han Kang meiner Meinung nach sehr gut, die alltägliche und unhinterfragte Gewalt im Rahmen der Familie, die häufig unter dem Deckmantel der (Für-)Sorge ausgeübt wird, einzufangen.

Diese Rezension lag übrigens schon eine ganze Weile auf meiner Feschdplatte (ich lerne langsam aber sicher, mich gewandt auf südländisch auszudrücken) rum, ist also nicht so richtig aktuell. Das Buch ist aber trotzdem toll 🙂