Nordlicht

Man habe sie in ihrer Unterwäsche gefunden, hat der Hüttenwart gesagt. Friedlich soll sie ausgesehen haben, wie ein Schneeengel habe sie dagelegen, ihre abgelegten Kleidungsstücke um sich verteilt wie einen Strahlenkranz. Das sei ganz typisch, so der Hüttenwart, ein Fall von Kälteidiotie, einer paradoxen Reaktion des Körpers auf den nahenden Kältetod. Ob wir denn nicht bemerkt hätten, dass Luzia die Hütte verlassen habe, ob uns ihre Abwesenheit nicht aufgefallen sei, wollte der Hüttenwart wissen, sie müsse ja mehrere Stunden durch die Nacht geirrt sein, wo sie schließlich gute zehn Kilometer bis zum Ufer des Sees zurückgelegt habe.

Nichts haben wir bemerkt, keiner von uns hat etwas gehört. Müde von der anstrengenden Wanderung haben wir tief und traumlos geschlafen. Es war unsere letzte Übernachtung in einer der unbewirtschafteten Hütten entlang des Königswegs im schwedischen Teil Lapplands. Am nächsten Morgen wollten wir uns ein letztes Mal unsere Schneeschuhe umschnallen, dem höchsten Berg Schwedens unsere Aufwartung machen, bevor uns der Nachtzug zurück nach Stockholm bringen würde.

Luzia war von Tag zu Tag stiller geworden, tagsüber stapfte sie meist vorneweg, in Gedanken versunken. Aber in gewisser Weise waren wir alle ruhiger geworden, die langen Wanderungen durch die verschneite und menschenleere Landschaft hatten etwas Meditatives. Wir redeten wenig, konzentrierten uns auf uns selbst, lauschten dem Geräusch unserer Schritte auf den weiten Schneefeldern, bestaunten die bizarren Wellenformen der vom Nordwind geprägten Eiswüste.

Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, dass mit Luzia etwas nicht stimmte. Ihre Faszination für das Nordlicht hatte etwas Ungesundes. Wir alle waren beeindruckt, als wir vor vier Tagen bei Nikkaluokta Zeugen des grünlichen Schimmerns am Nachthimmel werden durften; bei Luzia aber steigerte sich die Begeisterung für die Aurora beinahe zur Hysterie. Sie blieb lange draußen an diesem Abend und kam erst wieder in die Hütte, als wir schon in unseren Schlafsäcken lagen.

Am Abend vor ihrem Verschwinden wirkte sie fahrig und abgelenkt, hat während des Kartenspiels immer wieder aus dem Fenster geschaut, als würde sie auf die Einlösung eines Versprechens warten. Während unserer Vesperpause am Vormittag hatte sie mir anvertraut, dass sie schon seit drei Nächten nicht mehr geschlafen habe. Mit Grauen denke sie an Nikkaluokta zurück, dort sei sie nachts aufgeschreckt, entsetzt, weil sich etwas auf sie gesetzt habe während des Schlafs, etwas Bedrohliches sei dort auf ihrer Brust gesessen und habe sie angestarrt aus unsichtbaren Augen.

Vielleicht haben die Landschaft, der viele Schnee, die Einsamkeit ihr zugesetzt, wie der Hüttenwart vermutet. Aber ich glaube nicht, dass Luzia lebensmüde war, dass sie sterben wollte dort am See. Ich glaube, dass das Nordlicht sie zu sich gerufen hat und sie nicht anders konnte, als seinem Ruf zu folgen.

(Lieber Thomas Bernhard: Entschuldigung. Das mit dem Konjunktiv tut mir leid.)

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