Lesefrüchte

Den Himbeeren haftete etwas entschieden Jenseitiges an…

produkt-10004578-print…und der Geschichte, die ich gerade vergnügt lese, haftet etwas entschieden Surrealistisches an. Es handelt sich um den für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman „Hysteria“ von Eckhart Nickel, einem Autor, den man sonst vielleicht eher in einem Atemzug mit Popliteraten wie Christian Kracht zu nennen geneigt ist. Bei „Hysteria“ handelt es sich um eine in der näheren Zukunft beheimatete Dystopie, in deren Zentrum ein merkwürdiges „kulinarisches Institut“ und eine noch viel merkwürdigere „Bewegung des spurenlosen Lebens“ steht. Bei der Hardcover-Ausgabe haben die Designer Gestalter ganze Arbeit geleistet, so etwas Schönes hat man gerne auf dem Nachttisch liegen.

Die Dinge sind nicht, was sie zu sein scheinen

Und mit „Dingen“ meine ich: Nahrungsmittel. Denn um deren mysteriöse Natur — oder besser, um deren mysteriöse Künstlichkeit — geht es in „Hysteria“. Bergheim, der mit einer äußerst sensiblen Wahrnehmung ausgestattete Protagonist, kommt einer Nahrungsmittelverschwörung auf die Schliche. Alle Fäden der Verschwörung scheinen bei der in letzter Konsequenz das freiwillige Abdanken der Menschheit propagierenden „Bewegung des spurenlosen Lebens“ zusammenzulaufen — und ehe Bergheim sich’s versieht, gerät er durch seine Nachforschungen in Lebensgefahr.

„Ökoterrorismus“ zuende gedacht?

Nickels Roman hat mich an Juli Zehs „Corpus Delicti“ erinnert. Und tatsächlich könnte man auf die Idee kommen, dass hier nun nicht der im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert um sich greifende „Gesundheitswahn“, sondern eben der sogenannte „Ökoterrorismus“ aufs Korn genommen werden soll. Aber ich glaube, dass man Eckhart Nickel Unrecht tut, wenn man sich ihn mit erhobenem Zeigefinger und warnendem Augenkneifen (gibt es das?) verbittert und reaktionär neben seiner Schreibmaschine sitzend vorstellt. (Nicht, dass man mich hier missversteht: Ich glaube nicht, dass Juli Zeh verbittert und reaktionär an ihrer Schreibmaschine sitzt. Ich mochte „Corpus Delicti“.) So ging das Schreiben von „Hysteria“ ganz bestimmt nicht vor sich. Sondern…

…wir müssen uns Nickel als einen glücklichen Menschen vorstellen oder: Wie es wirklich war

Ja, „Hysteria“ verhandelt solche Fragen wie jene nach dem Verhältnis von Natürlichkeit und Künstlichkeit. Ja, der Roman treibt die Forderung nach einem möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck gekonnt auf die Spitze und die Überwachung und Gängelung des Menschen im Namen seiner ominösen Gesundheit kennt auch bei Nickel kaum Grenzen. Da überkommt einen bei der Forderung „Zurück zur Natur“ schon einmal die Gänsehaut. Aber: Man merkt dem Roman deutlich an, dass Nickel einfach Spaß hatte, sich an seiner alten, schwarzen, schweren, gusseisernen Schreibmaschine eine absurd-überdrehte Geschichte auszudenken, in der es herrlich detailliert geschilderte Aromabars und handgeschöpfte Himbeerschachteln mit Aufdruck in Sütterlinschrift gibt. Es ist nämlich gar nicht so klar, ob Bergheim tatsächlich einer Verschwörung auf der Spur ist oder einfach selbst neben der Spur läuft. Dafür sorgen unter anderem die zahlreichen Anspielungen auf Thomas Manns „Zauberberg“ und auf E.T.A. Hoffmans „Sandmann“, die im expliziten Vergleich Bergheims mit Castorp und Nathanael gipfeln. Hach, die Intertextualität ist ausgeprägt in diesem Buch — noch eine Parallele zu Zeh, wie ich finde.

Fazit

Tolles Buch, phantastische Geschichte mit zahlreichen Verweisen auf andere, mir ans Herz gewachsene Werke — klare Kaufempfehlung. Und jetzt gehe ich ein paar Himbeeren naschen.

 

Geschichte einer Verweigerung

Wollte man Yong-Hye mit nur einem Adjektiv charakterisieren, so wäre es „farblos“. Die Protagonistin des Erstlingsromans der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang ist still, pflichtbewusst und unauffällig–bis sie sich eines Tages entscheidet, „Die Vegetarierin“ (so der Titel des Romans) zu werden.

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Han Kangs mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetes Romandebüt erzählt die Geschichte einer stillen Verweigerung; einer Verweigerung, die in der Auslöschung der eigenen Existenz, im Selbstverzehr gipfelt.

Yong-Hyes Entwicklung von der ersten, zaghaften Weigerung, Fleisch zu essen bis zu ihrem Tod in der Psychiatrie wird aus drei Perspektiven erzählt–der ihres Ehemanns (Teil 1), der ihres Schwagers (Teil 2) und jener ihrer Schwester (Teil 3). Jede Erzählperspektive ist mit einer Stufe in Yong-Hyes Entwicklung verknüpft: Der Ehemann kommentiert die Anfänge von Yong-Hyes Vegetarismus bis zur ersten Einweisung in ein Krankenhaus, der Schwager begleitet Yong-Hye nach ihrer Entlassung für die Dauer einer kurzen, obsessiven Affäre, die Schwester erzählt von Yong-Hyes letzten Lebenswochen und ihrem selbstbestimmten Tod.

Besonders der erste Teil der Geschichte hat mich fasziniert… Die Erzählung aus der Perspektive von Yong-Hyes Ehemanns ist verstörend, weil sein Blick auf seine junge Ehefrau jegliches Mitgefühl und Interesse an ihrer Innenwelt vermissen lässt–man könnte meinen, er beschreibe ein Möbelstück, oder meinetwegen einen Roboter, aber keinen Menschen. Das einzig Bemerkenswerte an Yong-Hye ist aus Sicht ihres Mannes ihre Weigerung, einen BH zu tragen; für den Leser deutet sich hier freilich (eigentlich benutze ich dieses Wort nicht, weil es zu sehr nach Seminararbeit klingt, aber diesmal musste es sein) bereits ihr Wunsch an, sich aus dem starren Korsett gesellschaftlicher Erwartungen zu befreien. Irgendwann beschämt Yong-Hye ihren Ehemann dann bei einem Geschäftsessen, weil sie weder am Tischgespräch teilnehmen noch von den opulenten Fleischgerichten kosten mag.

Yong-Hyes zunehmende Essensverweigerung wird nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch vom Rest der Familie als Provokation aufgefasst. Bei einem Familientreffen spitzt sich die Situation schließlich zu und mündet, nachdem Yong-Hyes Vater seine Tochter vor den Augen der Verwandtschaft mit Gewalt zum Essen gezwungen hat, in ihren ersten, öffentlich zelebrierten, Selbstmordversuch.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt, was meine Sympathie für solche Geschichten eigentlich über mich aussagt… Zuerst mal ist da meine ganz grundsätzliche Faszination für die Idee des Ausbrechens. Ich hatte irgendwann einmal den Plan, einen Kurzgeschichtenband mit dem Titel „Geschichten vom Ausbrechen“ zu verfassen. Und Yong-Hyes Totalverweigerung scheint mit eben genau das zu sein, ein mehr oder weniger geglückter Ausbruchsversuch. Zweitens habe ich gelegentlich das Gefühl, als schwelte unter der Oberfläche von vielen menschlichen Beziehungen–zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Freunden, Ehepartnern–eine gewisse uneingestandene (Lust an der) Gewalt. Das klingt jetzt vermutlich dramatischer, als ich es meine; wahrscheinlich auch, weil ich den Begriff „Gewalt“ sehr weit verstehe. Jedenfalls gelingt es Han Kang meiner Meinung nach sehr gut, die alltägliche und unhinterfragte Gewalt im Rahmen der Familie, die häufig unter dem Deckmantel der (Für-)Sorge ausgeübt wird, einzufangen.

Diese Rezension lag übrigens schon eine ganze Weile auf meiner Feschdplatte (ich lerne langsam aber sicher, mich gewandt auf südländisch auszudrücken) rum, ist also nicht so richtig aktuell. Das Buch ist aber trotzdem toll 🙂

Drei Fragezeichen???

Weil es beim letzten Mal so schön war, habe ich auch diesmal wieder mitgemacht. Beim Buchdate. Hier.

Diesmal ist Katja vom Blog Zwischen den Seiten mein Buchdate geworden: Hallo Katja, schön, dich kennenzulernen 🙂

Und hier sind meine drei Empfehlungen für dich:

(1) Chimamanda Ngozi Adichie: Blauer Hibiskus

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Worum gehts? Ich zitiere: „Das Haus von Kambilis Familie liegt inmitten von Hibiskus, Tempelbäumen und hohen Mauern, die Welt dahinter ist das von politischen Unruhen geprägte Nigeria. Mit sanfter, eindringlicher Stimme erzählt die 15jährige Kambili von dem Jahr, in dem ihr Land im Terror versank, ihre Familie auseinanderfiel und ihre Kindheit zuende ging. Der erste vielgelobte Roman Adichies, verzweifelt schön und ganz gegenwartsnah.“

(2) Ulrike Almut Sandig: Flamingos

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Ein Kurzgeschichtenband, der mich sehr beeindruckt hat. Ein (nicht unbedingt repräsentativer) Textauszug: „Flamingos stehen in Gruppen, aber jeder Einzelne ist allein. Sie halten Abstand. Sie sind wachsam. Wir finden sie hässlich. Wir finden sie schön. Sie sehen aus, als würden sie brennen, aber das ist nicht wahr. Sie sehen aus, als wären sie nicht kaputt zu machen, aber auch das ist nicht wahr. Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da. Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon.“

(3) Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger

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Ein weiteres meiner Lieblingsbücher: „Der Roman spielt im Staat Georgia, in einer hässlichen heißen Innenstadt. Es ist die Geschichte eines begabten Mädchens, Mick Kelly, und ihres gewaltsamen Kampfes gegen eine unnachgiebige und harte Umgebung. Carson McCullers‘ mitleidiges Engagement gilt den einsamen Sonderlingen und Außenseitern, die sich um den taubstummen John Singer scharen, um ihm ihr Herz auszuschütten.“

Liebe Katja, ich hoffe, da ist etwas für dich dabei 🙂

Über Sex kann man nur auf Englisch singen, äh, schreiben.

Jetzt werden aus Nägeln Köpfe gemacht (oder so ähnlich): Es ist allerhöchste Zeit für eine Rezension! Vor ungefähr einem Monat habe ich am Buchdate teilgenommen (hier); mir wurden vom werten Herrn Zeilenende drei Bücher zur Auswahl gestellt (hier), eines davon–nämlich Thomas Glavinics „Das Leben der Wünsche“–habe ich im September gelesen. Heute ziehe ich Bilanz. Huh, das klingt gefährlich. Aber der Reihe nach…

Weiterlesen „Über Sex kann man nur auf Englisch singen, äh, schreiben.“

Eins, zwei oder drei?

Ich hab wo mitgemacht. Hier im Internetz. Beim Buchdate. Angezettelt haben das Ganze Zeilenende und Wortgeflumselkritzelkram. Das bedeutet, dass ich im Laufe des Septembers ein Überraschungsbuch lesen und anschließend rezensieren werde. Gleichzeitig wird mein Lesepartner Zeilenende zu einem der drei Bücher, die ich unten zur Auswahl vorschlage, eine Rezension verfassen.

Meine weise gewählten Buchvorschläge erfüllen folgende Kriterien:

  1. Sie haben mir alle hervorragend gefallen.
  2. Die Bücher und — mit Ausnahme von Bradbury auch die Autoren — scheinen mir nicht so wahnsinnig bekannt zu sein. Nick Cave kennt man wahrscheinlich schon, nämlich als namensgebenden Frontmann der Band „Nick Cave and the Bad Seeds“ und, ja, er kann auch schreiben.
  3. Sie sind nicht allzu umfangreich, also auch mit einem vollen Terminkalender innerhalb eines Monats zu schaffen.
  4. Ich würde mich freuen, eine Rezension der Bücher zu lesen.

Hier sind meine Vorschläge:

  1. Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro. (Bei diesem Cover konnte ich damals in der Buchhandlung nicht widerstehen.)
  2. Banana Yoshimoto: Hard-Boiled. Hard Luck. (Wer Haruki Murakami mag, wird auch Banana Yoshimoto mögen.)
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  3. Ray Bradbury: Das Böse kommt auf leisen Sohlen. (Ray Bradbury verbinden die meisten wahrscheinlich mit „Fahrenheit 451“. Er schreibt aber nicht nur ganz wunderbare Dystopien, sondern auch — im wahrsten Sinne des Wortes — fantastische und nachdenkliche Coming-of-Age-Romane.)
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Viel Spaß!!! 🙂

Zwischen den Zeilen 2014

Was habe ich 2014 eigentlich gelesen?

  • Chimamanda Ngozi Adichie (Americanah, Purple Hibiscus, Half of a Yellow Sun sowie die Kurzgeschichtensammlung The Thing Around Your Neck)
  • Carson McCullers (Das Herz ist ein einsamer Jäger, Frankie)
  • Ulla Hahn (Das verborgene Wort, Aufbruch)
  • Alice Munro (Die Kurzgeschichtensammlungen Zu viel Glück und Himmel und Hölle, vielleicht noch mehr)
  • Peter Bieri (Eine Art zu leben und Wie wollen wir leben?)
  • Robert Frost (Den Gedichtband Promises to Keep)
  • Sylvia Plath (Die Glasglocke)
  • Virginia Woolf (A Room of One’s Own)
  • Graham Greene (Das Herz aller Dinge)
  • Louis Begley (Ehrensachen, die Schmidt-Trilogie)
  • George Saunders (I Can Speak! und Zehnter Dezember)

Außerdem einige Aufsätze von Carl Gustav Jung und ganz sicher allerhand wenig Erwähnenswertes.