Geschichte einer Verweigerung

Wollte man Yong-Hye mit nur einem Adjektiv charakterisieren, so wäre es „farblos“. Die Protagonistin des Erstlingsromans der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang ist still, pflichtbewusst und unauffällig–bis sie sich eines Tages entscheidet, „Die Vegetarierin“ (so der Titel des Romans) zu werden.

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Han Kangs mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetes Romandebüt erzählt die Geschichte einer stillen Verweigerung; einer Verweigerung, die in der Auslöschung der eigenen Existenz, im Selbstverzehr gipfelt.

Yong-Hyes Entwicklung von der ersten, zaghaften Weigerung, Fleisch zu essen bis zu ihrem Tod in der Psychiatrie wird aus drei Perspektiven erzählt–der ihres Ehemanns (Teil 1), der ihres Schwagers (Teil 2) und jener ihrer Schwester (Teil 3). Jede Erzählperspektive ist mit einer Stufe in Yong-Hyes Entwicklung verknüpft: Der Ehemann kommentiert die Anfänge von Yong-Hyes Vegetarismus bis zur ersten Einweisung in ein Krankenhaus, der Schwager begleitet Yong-Hye nach ihrer Entlassung für die Dauer einer kurzen, obsessiven Affäre, die Schwester erzählt von Yong-Hyes letzten Lebenswochen und ihrem selbstbestimmten Tod.

Besonders der erste Teil der Geschichte hat mich fasziniert… Die Erzählung aus der Perspektive von Yong-Hyes Ehemanns ist verstörend, weil sein Blick auf seine junge Ehefrau jegliches Mitgefühl und Interesse an ihrer Innenwelt vermissen lässt–man könnte meinen, er beschreibe ein Möbelstück, oder meinetwegen einen Roboter, aber keinen Menschen. Das einzig Bemerkenswerte an Yong-Hye ist aus Sicht ihres Mannes ihre Weigerung, einen BH zu tragen; für den Leser deutet sich hier freilich (eigentlich benutze ich dieses Wort nicht, weil es zu sehr nach Seminararbeit klingt, aber diesmal musste es sein) bereits ihr Wunsch an, sich aus dem starren Korsett gesellschaftlicher Erwartungen zu befreien. Irgendwann beschämt Yong-Hye ihren Ehemann dann bei einem Geschäftsessen, weil sie weder am Tischgespräch teilnehmen noch von den opulenten Fleischgerichten kosten mag.

Yong-Hyes zunehmende Essensverweigerung wird nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch vom Rest der Familie als Provokation aufgefasst. Bei einem Familientreffen spitzt sich die Situation schließlich zu und mündet, nachdem Yong-Hyes Vater seine Tochter vor den Augen der Verwandtschaft mit Gewalt zum Essen gezwungen hat, in ihren ersten, öffentlich zelebrierten, Selbstmordversuch.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, habe ich mich gefragt, was meine Sympathie für solche Geschichten eigentlich über mich aussagt… Zuerst mal ist da meine ganz grundsätzliche Faszination für die Idee des Ausbrechens. Ich hatte irgendwann einmal den Plan, einen Kurzgeschichtenband mit dem Titel „Geschichten vom Ausbrechen“ zu verfassen. Und Yong-Hyes Totalverweigerung scheint mit eben genau das zu sein, ein mehr oder weniger geglückter Ausbruchsversuch. Zweitens habe ich gelegentlich das Gefühl, als schwelte unter der Oberfläche von vielen menschlichen Beziehungen–zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, Freunden, Ehepartnern–eine gewisse uneingestandene (Lust an der) Gewalt. Das klingt jetzt vermutlich dramatischer, als ich es meine; wahrscheinlich auch, weil ich den Begriff „Gewalt“ sehr weit verstehe. Jedenfalls gelingt es Han Kang meiner Meinung nach sehr gut, die alltägliche und unhinterfragte Gewalt im Rahmen der Familie, die häufig unter dem Deckmantel der (Für-)Sorge ausgeübt wird, einzufangen.

Diese Rezension lag übrigens schon eine ganze Weile auf meiner Feschdplatte (ich lerne langsam aber sicher, mich gewandt auf südländisch auszudrücken) rum, ist also nicht so richtig aktuell. Das Buch ist aber trotzdem toll 🙂

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What Fifty Said

Von der Fünfzig bin ich zwar noch ein paar Jahre entfernt, aber Robert Frosts „What Fifty Said“ gehört trotzdem zu meinen Lieblingsgedichten.

When I was young my teachers were the old.
I gave up fire for form till I was cold.
I suffered like a metal being cast.
I went to school to age to learn the past.

Now I am old my teachers are the young.
What can’t be molded must be cracked and sprung.
I strain at lessons fit to start a suture.
I go to school to youth to learn the future.

Ich finde interessant, wie Frost die zwei „Wandlungen“ beschreibt. In der Jugend ist man weich, biegsam; man ist anpassungswillig, wird in eine Form gegossen („molded“) und härtet aus. Der Prozess ist schmerzhaft, man leidet. Trotzdem unterzieht man sich ihm gewissermaßen freiwillig: Man gibt sein Feuer, seinen Individualismus auf, um dazuzugehören, um die Anerkennung der Menschen um einen herum zu gewinnen.

Im Alter ist man bereits erstarrt, man ist Form geworden. Anpassung fällt einem nun nicht mehr leicht, man kann nicht mehr einfach in eine neue Form gegossen werden. Wenn sich nun noch etwas ändern soll, dann kann das nur auf eine andere Weise geschehen als in der Kindheit und Jugend. Die Form muss aufgebrochen werden, damit sich das Innere, Weiche, der hoffentlich noch flüssige Kern, ergießen kann. Es ist die Beobachtung der Jugend, die Wahrnehmung von (hoffentlich) Unbeschwertheit, Eigensinn und Echtheit, die unserer erstarrten Außenhülle Risse zufügt, die uns bewusst macht, wie schmerzhaft und quälend der Formungsprozess war, den wir als Kinder so bereitwillig auf uns genommen haben.

Viel zu tun

Heute währt, wie alle Tage,
vierundzwanzig Stunden bloß—
drum erlaube mir die Frage:
Quo vadis mit dem Aktenstoß?

Word- und Excel-Dokumente,
Locher und Diktiergerät,
sind die Folterinstrumente
dieser schönen neuen Welt.

Dein Büro ist dein Gefängnis,
ein Papierberg frisst dich auf,
mach‘ dich frei von der Bedrängnis,
raff‘ dich einmal nicht mehr auf.

Lass‘ uns heut‘ spazieren geh’n,
die Welt mit neuen Augen seh’n,
denn grau ist alle Theorie,
wie Doctor Who sagt: Allons-y!