Al(p/b)traumkühe

Ich war neulich eine Woche lang im Oberallgäu unterwegs, auf verschiedenen Hörnern und Köpfen und in Tobeln, wobei Letzeres ein von mir neu erworbener Fachbegriff für „Schlucht“ ist.

Zu meinem Entsetzen wurde ich im Zuge einer Weidenüberquerung von einer zunächst eigentlich ganz freundlich dreinschauenden Kuh verfolgt. Ich habe mit aller Macht versucht, meine Ruhe zu bewahren und mich besonnen, aber bestimmt, zum Weidegatter vorzukämpfen. Die Kuh schloss aufgrund ihrer abhangsgeschulten Hufbewehrung allerdings schneller zu mir auf, als mir lieb war und begann alsbald, meinen entblößten Ellbogen zu lecken. In mir kam Panik auf. Mein Herz klopfte wahrnehmbar in einem dumpfen Basston. Glücklicherweise erschienen plötzlich zwei weitere funktionsbekleidete Wandersleute am Gatter, so dass die Aufmerksamkeit der Kuh kurz von meinem Ellbogen ab- und auf die Neuerscheinungen hingelenkt wurde. Ich nutzte diesen kurzen Moment der geistigen Abwesenheit der Kuh, um meinen Ellbogen von Speichel zu befreien und mich mit drei gewagten Sprüngen, die aufgrund des hohen Gewichts meiner Wanderstiefel recht ungelenk ausfielen, zum rettenden Gatter vorzuarbeiten. Dort brach ich erschöpft zusammen.

Hiermit möchte ich eindringlich vor Alpkühen, die sich — wie in meinem Fall — gelegentlich als Albkühe entpuppen, warnen. Bitte macht nicht den Fehler, diese hufbewehrten Pflanzenfresser zu unterschätzen. Sie lecken mit ihren widerborstigen Zungen an menschlichen Ellbogen herum — und Schlimmeres! Ich kann von Glück sagen, dass ich nicht gefressen wurde.

Ein Zitat

Ich lese gerade „Selim oder Die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny, der auch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ geschrieben hat. Beide Bücher kann ich nur empfehlen, aber das hier soll keine Rezension werden. Vielmehr habe ich mir eine Textstelle markiert, weil sie ein Unbehagen zum Ausdruck bringt, dass ich angesichts von manchen Erzählungen über das eigene Leben („Hier ein Schwank aus meiner Jugend…“) empfinde.

Wo habe ich gelesen: „Erzählen dient dem Vergessen“? Das Gegenteil klingt wahrscheinlicher. Aber wenn ich an alte Soldaten und andere denke, die ich habe erzählen hören, bin ich nicht mehr sicher. Es gibt ein Erzählen, das ist Verrat an der Jugend, den Leiden, dem Anspruch, mit dem einer begann. Bittere Anfänge werden putzige Vergangenheit, Erniedrigungen werden Anekdoten.

Wenn jemand im Brustton der Überzeugung erzählt, ihm oder ihr habe die harte Hand des Vaters eigentlich ja ganz gut getan, wenn jemand von sich selbst sagt, „nur Flausen im Kopf“ gehabt zu haben, wenn jemand seine Kindheitsängste und -hoffnungen kleinredet, verleugnet oder lächerlich macht, dann ist das schade. Das soll nicht heißen, dass man ständig alte Probleme wälzen oder sich in Selbstmitleid ergehen soll. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, sich aufrichtig und mit Mitgefühl daran zu erinnern, wie man sich mit sechs oder sechzehn gefühlt hat — wie man die Welt wahrgenommen hat.

Semesterferien

Wie schon 2018 und 2017 und wahrscheinlich auch 2016 sind auch heuer wieder Semesterferien. Sie kamen nicht ganz unerwartet, aber doch mit einer kleinen Prise Überraschung, die in der Nase kitzelt. Und nun sitze ich hier und frage mich, ob ich in diesen besagten Ferien wohl ein Projekt starten oder weiterführen oder auch zuendebringen werde und, wenn ja, welches Projekt das wohl sein wird.

Zum Beispiel könnte ich eine Schwalbenpatenschaft beim NABU übernehmen. Der NABU sucht laut unserem städtischen Käseblatt nämlich Schwalben- und Schwalbennestbetreuer und verschenkt im Gegenzug Kotbrettchen, die von einem Mitarbeiter der Stadt am hauseigenen Schwalbennest angebracht werden, um die Hausfassade vor Kot zu schützen. Nun haben wir keine eigenen Schwalben oder Schwalbennester, aber an meinem Reitbeteiligungs-Pferdestall gibt es unzählige von beiden. Dieses Jahr waren fast alle Nester mit Jungtieren belegt. Das ist schön. Ich mag Vögel im Allgemeinen. Aber da sich die Nester über den Boxen der Pferde befinden, musste man deren Fell ständig von Kot befreien. Ich wurde übrigens auch zum ersten Mal in meinem Leben von einer Schwalbe attackiert, am Kopf. Aber das ist okay, ich nehme ihr das nicht übel. Wäre ich eine Schwalbe und wollte gerade meine Jungtiere füttern, dann würde ich auch ungeduldig werden, wenn genau unter meinem Nest ein schwitzender Zweibeiner an einem befellten Vierbeiner mit viel zu großer Nase rumfuhrwerkte. Als Schwalbenbetreuerin würde ich den Schwalbenbestand am Stall dokumentieren, notfalls mit Helm. Und ich könnte mir entsprechende Visitenkarten machen.

Machines Like Me

Es gibt Geschichten, die einen noch eine Weile beschäftigen, nachdem man sie gelesen oder gesehen oder sonstwie konsumiert hat. Die Serie Real Humans hat so eine Geschichte erzählt. „Machines Like Me“ von Ian MacEwan ist ein weiteres Beispiel.

Irgendwann zu Beginn der Fünfziger hat sich ein Paralleluniversum von unserem abgespalten, in welchem Alan Turing die grausame, als „chemische Kastration“ bezeichnete Hormonbehandlung erspart bleibt, in deren Folge er im Jahr 1954 Suizid beging. Stattdessen verbüßt Turing eine einjährige Gefängnisstrafe, während derer er die Grundlagen für die Lösung des P-NP-Problems formuliert.

machineslikeme

Später gelingt Turing der Beweis, dass P=NP. Damit legt er die Grundlagen für eine Revolution in der Künstlichen Intelligenz. In den Achtziger Jahren hat die maschinelle Sprach- und Bilderkennung auf der Zwillingserde bereits ein Niveau erreicht, das unser heutiges übertrifft. Mitte der Achtziger werden 25 humanoide Roboter hergestellt, die sowohl in ihrem Äußerem als auch in ihrem Verhalten von Menschen ununterscheidbar sein sollen. Der Protagonist des Romans, ein 32-jähriger, ziel- und glückloser privater Trader, erwirbt von einer ansehnlichen Erbschaft einen der Humanoiden, Adam.

Kurze Zeit nach seiner „Inbetriebnahme“ findet Adam einen Weg, seinen Kill Switch zu deaktivieren. Er behauptet, sich in die Nachbarin und love interest des glücklosen Traders, Miranda, verliebt zu haben und ersinnt im Laufe weniger Wochen mehr als zweitausend kunstvolle Haikus, die seine romantischen Gefühle zum Ausdruck bringen. Adam verblüfft mit originellen Interpretationen literarischer Werke, leidenschaftlichen politischen Analysen, einem ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Mode und mit einer moralischen Integrität, die für seine menschlichen Mitbewohner bald zum ernstzunehmenden Problem wird.

Denn Adam ist in dieser Geschichte in jeder Hinsicht der bessere Mensch — und das wird ihm letztlich zum Verhängnis.

Ich kann das Buch nur nachdrücklich empfehlen.

Adams letztes Haiku lautet übrigens:

„Our leaves are falling.
Come spring we will renew,
But you, alas, fall once.“