Ballade von der philosophischen Fledermaus

Eines Abends—es dämmerte schon—
galoppierte ein Knabe—des Gutsherren Sohn—
über die Felder nach Hause, Gebäck im Gepäck,
und Hirtenkäse und Schinkenspeck.

Er hatte den Gutshof beinahe schon erreicht,
da scheute sein Pferd und strauchelte leicht,
und des Gutsherren Sohn sich unverhofft fand
am Boden, im Sand, mit verstauchter Hand.

Ein Schatten hatte das Pferd irritiert,
der flatterte vorbei gänzlich ungeniert,
streifte Ross und Reiter derart unverschämt,
dass des Gutsherren Sohn sich vergackeiert wähnt‘.

Des Knaben Ärger war beträchtlich
und so schnaubte er verächtlich:
„Schatten, ungeheuerlich!
Sieh, ich weiß ich alles über dich:
Traust dich nur abends aus dem Haus,
du sonnenscheue Fledermaus,
um edle Rösser zu erschrecken,
dich an Insekten zu erklecken!“

S‘ Fledermäuslein dachte sich:
„Nur eines, Bursche, weißt du nicht:
Wie es ist zu sein wie ich.“*

 

*Warum der Knabe nicht weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?

What Fifty Said

Von der Fünfzig bin ich zwar noch ein paar Jahre entfernt, aber Robert Frosts „What Fifty Said“ gehört trotzdem zu meinen Lieblingsgedichten.

When I was young my teachers were the old.
I gave up fire for form till I was cold.
I suffered like a metal being cast.
I went to school to age to learn the past.

Now I am old my teachers are the young.
What can’t be molded must be cracked and sprung.
I strain at lessons fit to start a suture.
I go to school to youth to learn the future.

Ich finde interessant, wie Frost die zwei „Wandlungen“ beschreibt. In der Jugend ist man weich, biegsam; man ist anpassungswillig, wird in eine Form gegossen („molded“) und härtet aus. Der Prozess ist schmerzhaft, man leidet. Trotzdem unterzieht man sich ihm gewissermaßen freiwillig: Man gibt sein Feuer, seinen Individualismus auf, um dazuzugehören, um die Anerkennung der Menschen um einen herum zu gewinnen.

Im Alter ist man bereits erstarrt, man ist Form geworden. Anpassung fällt einem nun nicht mehr leicht, man kann nicht mehr einfach in eine neue Form gegossen werden. Wenn sich nun noch etwas ändern soll, dann kann das nur auf eine andere Weise geschehen als in der Kindheit und Jugend. Die Form muss aufgebrochen werden, damit sich das Innere, Weiche, der hoffentlich noch flüssige Kern, ergießen kann. Es ist die Beobachtung der Jugend, die Wahrnehmung von (hoffentlich) Unbeschwertheit, Eigensinn und Echtheit, die unserer erstarrten Außenhülle Risse zufügt, die uns bewusst macht, wie schmerzhaft und quälend der Formungsprozess war, den wir als Kinder so bereitwillig auf uns genommen haben.

Enttäuschung

Enttäuschung. Ent-Täuschung. Sollte man nicht eigentlich dankbar sein für jede Enttäuschung, weil man, ent-täuscht, klarer sieht als vorher?

Seltsam, dass das Wort (ausschließlich) für etwas Negatives, für ein schmerzliches Gefühl steht.

„Ich bin enttäuscht von dir“, das heißt doch: „Ich habe mich in dir getäuscht, ich bin einer Täuschung aufgesessen; jetzt erkenne ich, dass du ganz anders bist, als ich dachte, nämlich irgendwie schlechter, und das verletzt mich.“

Ist jede Enttäuschung schmerzlich? Muss das so sein?

Vagheit

Viele Wörter, keine Frage,
sind ganz unerträglich vage.
Schön ist, dass wir uns trotzdem
nur äußerst selten missverstehen;
denn Vagheit wird, dem Zeus sei Dank,
im Alltag meist nicht zum Problem.

Oh weh mir, was muss ich da hören?
Eubulides, aus Griechenland,
der hat sich einen Spaß erlaubt,
den lieben Frieden dreist zu stören,
als er ein Paradox erfand,
so ganz und gar auf Sand gebaut?

Und das Paradox verdammt
uns hier und auch in Griechenland
zur Reflexion über die Grenzen
von Haufen, bestehend aus Sand.

(Erläuterung: Haufenparadox)

Selbstvergewisserung

Ich weiß, dass ich Hände habe. Ich bin mir ganz sicher, dass ich Hände habe. Meines Handbesitzes bin ich mir völlig gewiss. Ich habe Hände, zwei an der Zahl, zwei Hände habe ich. Zwei Hände zu jeweils fünf Fingern zu jeweils drei Fingergliedern, Daumen ausgenommen, die haben nur zwei. Der gewöhnlichen Hände aus Fleisch und Blut habe ich zwei, mit Fingern, Fingerabdrücken und Fingernägeln.

Ich kann ausschließen, dass es sich bei meinen Händen um Handattrappen handelt.

(Erläuterung: Moores ‚Here is one hand‘-Argument)

Spieltrieb

Menschen haben sonderbare Steckenpferde, kultivieren Spezialinteressen, fuchsen sich in die abseitigsten Themen ein, einfach so, aus Spaß an der Freude. Neulich war in der Wochenendausgabe der Süddeutschen ein Artikel über einen Amateurfunker, der seit Jahrzehnten von seiner Schrebergartenhütte aus in alle Welt morst–und darüber hinaus, denn seine Morsesignale haben sogar schon die ISS erreicht.

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