E zu dem M zu dem I zu dem L zu dem Y

Ich habe eine neue Sammlung mit Gedichten von Emily Dickinson. Dabei sind einige, die ich noch nicht kannte. Zum Beispiel dieses hier:

By a departing light
We see acuter, quite,
Than by a wick that stays.
There’s something in the flight
That clarifies the sight
And decks the rays.

Und ein weiteres möchte ich euch auch nicht vorenthalten, weil es mir beim Lesen ein langanhaltendes Lächeln entlockt hat:

How happy is the little Stone
That rambles in the Road alone,
And doesn’t care about Careers
And Exigencies never fears —
Whose Coat of elemental Brown
A passing Universe put on,
And independent as the Sun
Associates or glows alone,
Fulfilling absolute Decree
In casual simplicity —

„Acute“ ist auch Dickinsons Lyrik, finde ich, scharfsinnig und mit einem Blick für das Besondere im Alltäglichen ausgestattet, für das Poetische inmitten der „casual simplicity“. Ihre Gedichte haben oft etwas Naives an sich — im besten Sinne von „naiv“ — und sind zugleich tief, schwer.

Da fällt mir ein, dass ich vor vielen Jahren im Philosophieunterricht einmal lang und breit und mit vielen Worten die Stimmung auf einem Bild zu beschreiben versucht habe, bis mein Lehrer meinen stammelnden Wortschwall mit der Frage „Melancholie?“ zum Ende und auf den Punkt gebracht hat. Vielleicht ist „Melancholie“ das Wort, das ich suche — aber wie kann ein so kleines Wort all die widersprüchlichen Eigenschaften in sich vereinen, die Dickinsons Gedichte zum Ausdruck bringen? Die tiefe Weisheit bei gleichzeitiger Naivität, das Schwere im Leichten, das Komplexe im Einfachen? Irgendwie bin ich immer noch nicht davon überzeugt, dass ein so simples Wort wie „Melancholie“ dem ganz gerecht wird. Also bleibe ich beim hilflosen Stottern 🙂

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Dickinson zum Zweiten

Eben, ich lag schon im Bett, kam mir ein Vers von Emily Dickinson in den Sinn: „After great pain, a formal feeling comes“. Und weil ich hier schon lange kein Lieblingsgedicht (anderer Autoren und Autorinnen) mehr gepostet habe, hole ich das jetzt nach. Hier ist Dickinson zum Zweiten.

After great pain, a formal feeling comes –
The Nerves sit ceremonious, like Tombs –
The stiff Heart questions ‘was it He, that bore,’
And ‘Yesterday, or Centuries before’?

The Feet, mechanical, go round –
A Wooden way
Of Ground, or Air, or Ought –
Regardless grown,

A Quartz contentment, like a stone –

This is the Hour of Lead –
Remembered, if outlived,
As Freezing persons, recollect the Snow –
First – Chill – then Stupor – then the letting go –

What Fifty Said

Von der Fünfzig bin ich zwar noch ein paar Jahre entfernt, aber Robert Frosts „What Fifty Said“ gehört trotzdem zu meinen Lieblingsgedichten.

When I was young my teachers were the old.
I gave up fire for form till I was cold.
I suffered like a metal being cast.
I went to school to age to learn the past.

Now I am old my teachers are the young.
What can’t be molded must be cracked and sprung.
I strain at lessons fit to start a suture.
I go to school to youth to learn the future.

Ich finde interessant, wie Frost die zwei „Wandlungen“ beschreibt. In der Jugend ist man weich, biegsam; man ist anpassungswillig, wird in eine Form gegossen („molded“) und härtet aus. Der Prozess ist schmerzhaft, man leidet. Trotzdem unterzieht man sich ihm gewissermaßen freiwillig: Man gibt sein Feuer, seinen Individualismus auf, um dazuzugehören, um die Anerkennung der Menschen um einen herum zu gewinnen.

Im Alter ist man bereits erstarrt, man ist Form geworden. Anpassung fällt einem nun nicht mehr leicht, man kann nicht mehr einfach in eine neue Form gegossen werden. Wenn sich nun noch etwas ändern soll, dann kann das nur auf eine andere Weise geschehen als in der Kindheit und Jugend. Die Form muss aufgebrochen werden, damit sich das Innere, Weiche, der hoffentlich noch flüssige Kern, ergießen kann. Es ist die Beobachtung der Jugend, die Wahrnehmung von (hoffentlich) Unbeschwertheit, Eigensinn und Echtheit, die unserer erstarrten Außenhülle Risse zufügt, die uns bewusst macht, wie schmerzhaft und quälend der Formungsprozess war, den wir als Kinder so bereitwillig auf uns genommen haben.

Nevermind Nevermore

Im Wipfel der uralten Buche,
auf ihrem allerhöchsten Ast,
sitzt Nevermore, der schräge Vogel,
und schaut sich um, ganz ohne Hast.

Die Buche steht auf einer Lichtung
am Ende eines schmalen Pfads,
den ich den Worten einer Dichtung
gemäß heut‘ eingeschlagen hab.

Ich nahm den einen, nicht den andern,
der Pfade gab es nämlich zwei,
und während ich so resümiere
krächzt Nevermore ein: „Nevermind.“

„The Raven“ von E. A. Poe
„The Road Not Taken“ von Robert Frost

Als Schmankerl gibt’s noch ein (Musik-)Video dazu:

„…warf ich die Last meines wirklichen Lebens ab und übte mich in der Kunst, die Dinge so zu sehen, wie sie nicht sind.“

An alle Bewohner des 21. Jahrhunderts: „Verklärung statt Erklärung“ sei unser Wahlspruch!

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