Rat. Schläge.

Du fragst: „Was ist der Sinn des Lebens—
und was zur Hölle soll ich tun?“
Freu dich, du fragst mich nicht vergebens,
denn ich werde nicht eher ruh’n,
bis ich deine schwere Frage
zur äußersten Zufriedenheit
und ohne jede Eitelkeit
beantwortet, erledigt habe.

Und während du noch fragend schaust,
dich nicht einmal zu blinzeln traust,
da sind meine Beraterpferde
schon lange mit mir durchgegangen,
da habe ich dein weit’res Leben,
dein Lieben, Wollen, und dein Streben,
schon minutiös durchgeplant.
Mit analytischer Machete der Lebenslogik Weg gebahnt.

Zunächst machst du den Bachelor,
danach ein Auslandsjahr,
und zwischendurch lernst du Chinesisch,
am besten vor dem MBA.
Und kauf‘ dir ein Paar guter Schuhe,
das ist eine Investition,
die sich in allen Lebenslagen
bewährt und deshalb immer lohnt.

Mit Haargel machst du nichts verkehrt,
sei schlank, doch wirke wohlgenährt,
und ein Benimmkurs kann nicht schaden,
am Anfang jedenfalls,
denn irgendwann führst du den Laden.

Sinn und Lebensqualität
sind überkommene Konzepte,
fernab jeder Realität.

Nevermind Nevermore

Im Wipfel der uralten Buche,
auf ihrem allerhöchsten Ast,
sitzt Nevermore, der schräge Vogel,
und schaut sich um, ganz ohne Hast.

Die Buche steht auf einer Lichtung
am Ende eines schmalen Pfads,
den ich den Worten einer Dichtung
gemäß heut‘ eingeschlagen hab.

Ich nahm den einen, nicht den andern,
der Pfade gab es nämlich zwei,
und während ich so resümiere
krächzt Nevermore ein: „Nevermind.“

„The Raven“ von E. A. Poe
„The Road Not Taken“ von Robert Frost

Als Schmankerl gibt’s noch ein (Musik-)Video dazu:

Viel zu tun

Heute währt, wie alle Tage,
vierundzwanzig Stunden bloß—
drum erlaube mir die Frage:
Quo vadis mit dem Aktenstoß?

Word- und Excel-Dokumente,
Locher und Diktiergerät,
sind die Folterinstrumente
dieser schönen neuen Welt.

Dein Büro ist dein Gefängnis,
ein Papierberg frisst dich auf,
mach‘ dich frei von der Bedrängnis,
raff‘ dich einmal nicht mehr auf.

Lass‘ uns heut‘ spazieren geh’n,
die Welt mit neuen Augen seh’n,
denn grau ist alle Theorie,
wie Doctor Who sagt: Allons-y!

Vagheit

Viele Wörter, keine Frage,
sind ganz unerträglich vage.
Schön ist, dass wir uns trotzdem
nur äußerst selten missverstehen;
denn Vagheit wird, dem Zeus sei Dank,
im Alltag meist nicht zum Problem.

Oh weh mir, was muss ich da hören?
Eubulides, aus Griechenland,
der hat sich einen Spaß erlaubt,
den lieben Frieden dreist zu stören,
als er ein Paradox erfand,
so ganz und gar auf Sand gebaut?

Und das Paradox verdammt
uns hier und auch in Griechenland
zur Reflexion über die Grenzen
von Haufen, bestehend aus Sand.

(Erläuterung: Haufenparadox)

Bittere Pille*

*Warnhinweis: Der folgende Post kann Spuren von Pathos und Verbitterung enthalten und bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.

Ihr, die ihr mir gesagt habt, ich solle nicht immer die erste Geige spielen wollen, solle mir nicht zu viel herausnehmen, solle mir bloß nicht einbilden, etwas Besonderes zu sein, ja keine Extrawurst verlangen, mich nicht so anstellen, den Ball flach halten, ihr hättet mich fast kaputtgemacht in eurer Kleinheit, eurer Beschränktheit, eurer Eitelkeit, eurer kindischen Furcht.

Ihr müsst sie schlucken, die bittere Pille: Beinahe zerstört hättet ihr mich.

Nordlicht

Man habe sie in ihrer Unterwäsche gefunden, hat der Hüttenwart gesagt. Friedlich soll sie ausgesehen haben, wie ein Schneeengel habe sie dagelegen, ihre abgelegten Kleidungsstücke um sich verteilt wie einen Strahlenkranz. Das sei ganz typisch, so der Hüttenwart, ein Fall von Kälteidiotie, einer paradoxen Reaktion des Körpers auf den nahenden Kältetod. Ob wir denn nicht bemerkt hätten, dass Luzia die Hütte verlassen habe, ob uns ihre Abwesenheit nicht aufgefallen sei, wollte der Hüttenwart wissen, sie müsse ja mehrere Stunden durch die Nacht geirrt sein, wo sie schließlich gute zehn Kilometer bis zum Ufer des Sees zurückgelegt habe.

Nichts haben wir bemerkt, keiner von uns hat etwas gehört. Müde von der anstrengenden Wanderung haben wir tief und traumlos geschlafen. Es war unsere letzte Übernachtung in einer der unbewirtschafteten Hütten entlang des Königswegs im schwedischen Teil Lapplands. Am nächsten Morgen wollten wir uns ein letztes Mal unsere Schneeschuhe umschnallen, dem höchsten Berg Schwedens unsere Aufwartung machen, bevor uns der Nachtzug zurück nach Stockholm bringen würde.

Luzia war von Tag zu Tag stiller geworden, tagsüber stapfte sie meist vorneweg, in Gedanken versunken. Aber in gewisser Weise waren wir alle ruhiger geworden, die langen Wanderungen durch die verschneite und menschenleere Landschaft hatten etwas Meditatives. Wir redeten wenig, konzentrierten uns auf uns selbst, lauschten dem Geräusch unserer Schritte auf den weiten Schneefeldern, bestaunten die bizarren Wellenformen der vom Nordwind geprägten Eiswüste.

Trotzdem werde ich den Gedanken nicht los, dass mit Luzia etwas nicht stimmte. Ihre Faszination für das Nordlicht hatte etwas Ungesundes. Wir alle waren beeindruckt, als wir vor vier Tagen bei Nikkaluokta Zeugen des grünlichen Schimmerns am Nachthimmel werden durften; bei Luzia aber steigerte sich die Begeisterung für die Aurora beinahe zur Hysterie. Sie blieb lange draußen an diesem Abend und kam erst wieder in die Hütte, als wir schon in unseren Schlafsäcken lagen.

Am Abend vor ihrem Verschwinden wirkte sie fahrig und abgelenkt, hat während des Kartenspiels immer wieder aus dem Fenster geschaut, als würde sie auf die Einlösung eines Versprechens warten. Während unserer Vesperpause am Vormittag hatte sie mir anvertraut, dass sie schon seit drei Nächten nicht mehr geschlafen habe. Mit Grauen denke sie an Nikkaluokta zurück, dort sei sie nachts aufgeschreckt, entsetzt, weil sich etwas auf sie gesetzt habe während des Schlafs, etwas Bedrohliches sei dort auf ihrer Brust gesessen und habe sie angestarrt aus unsichtbaren Augen.

Vielleicht haben die Landschaft, der viele Schnee, die Einsamkeit ihr zugesetzt, wie der Hüttenwart vermutet. Aber ich glaube nicht, dass Luzia lebensmüde war, dass sie sterben wollte dort am See. Ich glaube, dass das Nordlicht sie zu sich gerufen hat und sie nicht anders konnte, als seinem Ruf zu folgen.

(Lieber Thomas Bernhard: Entschuldigung. Das mit dem Konjunktiv tut mir leid.)

Kernfusion

Lena war—mein Lebensmensch. Meine Seelenverwandte. Diese Topf-Deckel-Geschichte fanden wir albern, ich hab sie immer meine Funktion genannt, sie mich ihr Argument. Da sieht man mal, was die Wissenschaft aus uns gemacht hat… Jedenfalls war sie meine erste und einzige Liebe.

Read on, yeah!

Vorkehrungen

Eigentlich mag ich sie nicht mehr lesen,
aber die Kommentarspalten der größeren und kleineren Zeitungen,
gekapert von Trollen, triefend vor Ressentiments,
üben eine seltsame Faszination auf mich aus.

Nirgendwo sonst kann ich mich so fühlen
als säße ich mitten in Deiner Stammtischrunde,
all Dein Ärger, Deine Wut und Enttäuschung nieseln,
nein: prasseln auf mich nieder.

Du sagst: „Haters gonna hate!“
Ich geh‘ mit Helm ins Internet.

Traumfragment

Ich gehe, nein ich schlurfe, wie ein Zombie schlurfe ich zum Abstellraum, zur Waschmaschine. Mir ist nicht klar, was ich dort will, im Abstellraum, bei der Waschmaschine. Wie fremdgesteuert schlurfe ich zur Waschmaschine im Abstellraum. Es fühlt sich an, als würde eine unsichtbare Macht mich zu diesem Abstellraum ziehen, er fühlt sich irgendwie falsch an, der Weg zur Waschmaschine, aber ich kann mich nicht wehren. In meinem Kopf läuft „Song to Say Goodbye“ von Placebo.