Da wollten Sie nie hin: Mönchengladbach

Mönchengladbach, Perle asoziale Homebase am Niederrhein. Da komme ich her, naja, fast. Genauer gesagt ist Mönchengladbach einfach diejenige Stadt mit mehr als 250.000 Einwohnern, die meinem Heimatdorf (mit knapp 8.000 Einwohnern) am nächsten liegt.

In der Online-Ausgabe der Zeit war heute ein Artikel über besagtes Mönchengladbach und, sentimental wie ich nun einmal bin, habe ich mich dazu verleiten lassen in Erinnerungen zu schwelgen. In Gladbach, wie wir Beinahe-Gladbacher sagen, habe ich nämlich einen Großteil meiner Jugendjahre verbracht. Also der Jahre zwischen 13 und 17. Danach war ich erwachsen. Oder hatte einfach Besseres zu tun, ein Pferd zu (ver-)pflegen zum Beispiel.

In besagtem Mönchengladbach habe ich mir mein Nasen- und mein Augenbrauenpiercing stechen lassen. Beide habe ich schon vor einer ganzen Weile entfernt—das Augenbrauenpiercing, weil es langsam aber sicher immer mehr rausgewachsen ist, den Nasenring habe ich einfach irgendwann wieder reinzutun vergessen. Nach meinem Gehirnscan vielleicht. (Ich habe mein Gehirn einmal im Dienste der Wissenschaft magnetresonanztomografieren lassen. Genauer gesagt wurde mein Gehirn magnetresonanztomografiert, während mir zwei Neurowissenschaftler abwechselnd meine rechte und meine linke Hand mit weichen Pinseln streichelten. Dafür, dass ich diese Prozedur über mich ergehen lassen habe, erhielt ich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von fünfzig Euro, musste aber auch gut zwei Stunden für Hin- und Rückfahrt zum und vom Kernforschungszentrum Jülich in Kauf nehmen. Jedenfalls, und das ist das Entscheidende, musste ich meinen metallenen Nasenring vor dem Scan entfernen.) Für das Stechen des Nasenrings habe ich übrigens damals die Einverständniserklärung meiner Eltern gefälscht. Da ich zum Zeitpunkt der Fälschung unter 14 war, dürfte das hoffentlich keine strafrechtlichen Konsequenzen haben.

In Mönchengladbach gab es hinter dem Bahnhof einen Secondhandladen und einen, nunja, Headshop, der allerdings auch T-Shirts, CDs, Poster und allerhand Hippie-inspirierten Krimskrams verkauft hat. In beiden habe ich gerne eingekauft, in Letzterem sogar mal etwas verkauft. Alte LPs nämlich, die wurden dort in Zahlung genommmen. Ja, ich besaß LPs, denn ich besaß außerdem einen ranzigen Plattenspieler, den ich irgendwann mit halbherzigen Scratchversuchen zerstört habe. Außerdem gab es einen großen Markt für Künstlerbedarf, eine gut ausgestattete Buchhandlung, einen Comicbuchladen, eine Kneipe, in der man als Minderjährige am hellichten Tag anstandslos Frozen Strawberry Daiquiri serviert bekam, und einen Klamottenladen, der „Linientreu“ hieß und ziemlich schräge Sachen im Angebot hatte.

Es gab auch mal eine Zeit, da war ich Mituntermieterin eines Proberaums in einem völlig heruntergekommenen Mönchengladbacher Gebäudekomplex, der „Factory“. Da residierte leider nicht die damalige Künstlerbohème, sondern eher mittelgute Metalbands. Wir wollten auch eine Band sein, nannten uns auf mein Anraten „Beef Jerky“* und spielten während der gesamten Mietdauer kein einziges richtiges Lied. Spaß hatten wir trotzdem, denn es gab Mikros und ein Schlagzeug und ich kaufte mir Schlagzeugsticks, obwohl ich überhaupt nicht Schlagzeug spielen kann, beschriftete sie mit „Beef Jerky“ und lief mit ihnen durch die Straßen. Der einzige Nachteil an der Factory waren die Toiletten, denn die waren ungelogen seit vielen Jahren nicht geputzt worden und damit im Prinzip tatsächlich unbenutzbar.

Tja. Manchmal saßen wir auch einfach rum, zum Beispiel auf den Treppen am Alten Markt. Das ist so etwas typisch Jugendliches, dieses Rumsitzen auf Treppen mit Leuten, die man mag. Man sitzt und redet und langweilt sich nicht und fühlt sich frei, bis zum letzten Bus, der einen nach Hause bringt.

*Wie es zu diesem Namen kam? Wir befanden uns an einer Tankstelle in—genau!—Mönchengladbach, als mir ein Display mit getrockneten Fleischstreifen ins Auge fiel. Die Idee, getrocknete Fleischstreifen in Tüten mit dem Aufdruck „Beef Jerky“ zu verkaufen, erschien mir schon damals aberwitzig und der Bandname war geboren.

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