Muss man etwas aus seinen Talenten machen?

Muss man etwas aus seinen Talenten machen? Sicher nicht in demselben Sinn von „müssen“, in dem wir sterben müssen oder schlafen. Etwas aus seinen Talenten zu machen ist weder unausweichlich noch lebensnotwendig. Vielmehr könnte man denken, dass die Entwicklung oder Vervollkommnung der eigenen Talente – neben moralischer Integrität und bereichernden Beziehungen zu anderen Menschen – etwas ist, das unser Leben zu einem gelingenden Leben macht. Vielleicht sollte die Frage deshalb lauten: Ist es mit Blick auf das „große Ganze“ eines gelingenden Lebens ratsam, die eigenen Talente zu entwickeln?

Aber was ist überhaupt ein Talent? Qualifiziert sich zum Beispiel meine Fähigkeit, die Stimmungen von Pferden anhand subtiler Bewegungen ihrer Ohren und Nüstern einzuschätzen? Sollte ich diese zu vervollkommnen suchen, indem ich verschiedene Seminarangebote sogenannter „Pferdeflüsterer“ wahrnehme? Dem Duden zufolge befähigt ein Talent zu ungewöhnlichen oder zumindest überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, insbesondere künstlerischem, Gebiet. Ich glaube, dass neben der Kunst mindestens auch Sport, Handwerk und Wissenschaft zu den Bereichen gehören, in denen wir häufig von Talenten sprechen. Es gibt besonders talentierte Bildhauer und besonders talentierte Handchirurgen. Vielleicht sollte man also ein Talent ganz allgemein als Befähigung zu ungewöhnlich oder überdurchschnittlich guter Ausübung einer Fertigkeit definieren. Wahrscheinlich sollte man außerdem noch ergänzen: bei vertretbarem (Übungs-)Aufwand. Vielleicht kann ein bestimmtes Level einer Fertigkeit von jedem Menschen erreicht werden, sofern der Übungsaufwand nur groß genug ist.

Wenn man „Talent“ so weit versteht, wie ich hier vorschlage, dann ist es wahrscheinlich erstens der Fall, dass die meisten von uns mehrere Talente besitzen, und zweitens, dass eine ganze Reihe dieser Talente unentdeckt bleibt – ein Leben lang oder zumindest über weite Strecken des Lebens. Manches von dem, was ich heute als ein Talent von mir zählen würde, wäre unentdeckt geblieben, wenn ich nicht zufällig zur Ausübung der entsprechenden Fertigkeit gezwungen worden wäre. Mein Tapeziertalent zum Beispiel oder mein Zeichentalent. Bevor ich durch einen entsprechenden Arbeitsauftrag im Kunstunterricht mit der Nase darauf gestoßen wurde, hatte ich mich nie als Person mit Talent zum Zeichnen wahrgenommen. Und bevor ich nicht gezwungen war, die Wände meiner ersten eigenen Wohnung zu tapezieren, war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich mich dabei besonders geschickt anstellen könnte.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Ist es – mit Blick auf das „große Ganze“ eines gelingenden Lebens – ratsam, die eigenen Talente zu entwickeln? Und schon wieder stehen wir vor einer Anschlussfrage: Ein gelingendes Leben in welchem Sinn? In einer, der „objektiven“, Lesart kann das Leben eines Menschen als gelungenes Leben zählen, obwohl dieser Zeit seines Lebens unglücklich war – weil er oder sie etwas von großem Wert geschaffen hat. Vielleicht war Ingeborg Bachmann so jemand oder Sylvia Plath. In einer anderen, der „subjektiven“, Lesart ist ein gelungenes Leben wohl zumindest in der Rückschau von einer gewissen Zufriedenheit geprägt. Ich interessiere mich hier in erster Linie für die zweite, subjektive Lesart.

Trägt es also zur eigenen Lebenszufriedenheit bei, seine Talente zu entwickeln? Wahrscheinlich sollten wir in der Beantwortung dieser Frage unseren Fokus nicht auf bloße Talente legen, sondern uns vor allem für solche Fälle interessieren, in denen ein Talent mit einer Neigung zusammenfällt. Vielleicht habe ich Talent zum Tapezieren – aber eine Neigung zum Tapezieren verspüre ich eigentlich nicht. Für meine Lebenszufriedenheit scheint mir deshalb irrelevant, ob ich mein Tapeziertalent zu vervollkommnen suche oder nicht.

Häufig ist es aber so – glücklicherweise – dass mit Talenten entsprechende Neigungen einhergehen. Und darüber hinaus ist es häufig der Fall, dass Personen gleich mehrere Talente (und die dazugehörigen) Neigungen haben. Nun kostet die Perfektionierung einer Fertigkeit aber Zeit und Energie – selbst dann, wenn man besonders talentiert ist. Deshalb zwingt uns die Entwicklung oder Vervollkommnung eines Talents häufig dazu, andere Talente brachliegen oder zu einem bloßen Zeitvertreib werden zu lassen. Möglichst viele Talente nebeneinander entwickeln zu wollen scheint aber auch keine besonders gute Idee zu sein: Dann laufen wir Gefahr, uns in verschiedenen Gebieten zu „Halb-Dilettanten“ zu entwickeln, die nie über ein gewisses Niveau hinausgelangen.

Vielleicht könnte man sagen: Beide Arten von Entscheidungen verlangen einen bitteren Kompromiss von uns. Im ersten Fall besteht der Kompromiss darin, dass ich eine ganze Reihe von Türen schließe, dass ich eine ganze Reihe von Neigungen (und entsprechenden Talenten) frustriere. Im zweiten Fall halte ich mir viele Türen offen, aber verharre gewissermaßen auf der Schwelle einer jeden. Ich bin mir unschlüssig, welche Sorte von Kompromiss schlimmer ist.

Für die Frage der Lebenszufriedenheit ist aber vielleicht viel entscheidender, ob wir uns überhaupt entschließen, ein Talent oder mehrere Talente zu entwickeln. Die relevante Alternative wäre dann, gar kein Talent zu entwickeln – weder halbherzig noch mit vollem Einsatz. Vor diese Alternative gestellt, erscheint es mir schon plausibler zu sagen, dass die Entwicklung eigener Talente zur Lebenszufriedenheit beiträgt. Und dann verliert die Frage danach, welche Sorte von bitterem Kompromiss wir uns einzugehen entscheiden, vielleicht auch etwas von ihrem Stich.

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

2 Kommentare zu „Muss man etwas aus seinen Talenten machen?“

  1. Wichtige Frage! Vor allem wenn ich an all die Leute denke, die aufrichtig beklagen, „in der Pubertät“ mit dem Klavierspiel etc. aufgehört zu haben.
    Aber auch wenn es hier viele schwieirge Fragen gibt, so erscheint mir doch eine leicht zu beantworten, nämlich die, ob man andere zur Entwicklung ihrer Talente ermutigen sollte. (Wobei auch letzteres daneben gehen kann.)

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