Ein Zitat

Ich lese gerade „Selim oder Die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny, der auch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ geschrieben hat. Beide Bücher kann ich nur empfehlen, aber das hier soll keine Rezension werden. Vielmehr habe ich mir eine Textstelle markiert, weil sie ein Unbehagen zum Ausdruck bringt, dass ich angesichts von manchen Erzählungen über das eigene Leben („Hier ein Schwank aus meiner Jugend…“) empfinde.

Wo habe ich gelesen: „Erzählen dient dem Vergessen“? Das Gegenteil klingt wahrscheinlicher. Aber wenn ich an alte Soldaten und andere denke, die ich habe erzählen hören, bin ich nicht mehr sicher. Es gibt ein Erzählen, das ist Verrat an der Jugend, den Leiden, dem Anspruch, mit dem einer begann. Bittere Anfänge werden putzige Vergangenheit, Erniedrigungen werden Anekdoten.

Wenn jemand im Brustton der Überzeugung erzählt, ihm oder ihr habe die harte Hand des Vaters eigentlich ja ganz gut getan, wenn jemand von sich selbst sagt, „nur Flausen im Kopf“ gehabt zu haben, wenn jemand seine Kindheitsängste und -hoffnungen kleinredet, verleugnet oder lächerlich macht, dann ist das schade. Das soll nicht heißen, dass man ständig alte Probleme wälzen oder sich in Selbstmitleid ergehen soll. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, sich aufrichtig und mit Mitgefühl daran zu erinnern, wie man sich mit sechs oder sechzehn gefühlt hat — wie man die Welt wahrgenommen hat.

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s