Pferdemädchen

Juli Zeh schreibt in ihrem neuen Buch “Gebrauchsanweisung für Pferde”, sie sei ein echtes Pferdemädchen gewesen. Eines von den Wesen, die vom Beginn der Grundschulzeit bis zur Adoleszenz jede freie Minute am nächstgelegenen Reitstall verbringen, Stallgassen kehren, Heuballen schleppen, Wassertröge auffüllen – die also im vergleichsweise zarten Alter hart arbeiten, um im Gegenzug das Privileg zu erhalten, ihr heißgeliebtes Schulpferd putzen oder trockenreiten, ja, vielleicht sogar am Wochenende das Pferd im Gelände bewegen zu dürfen.

Von diesen Mädchen gibt es an jedem Schulpferdestall eine ganze Horde. Ich war keines davon, denn ich hatte Angst vor ihnen. Den Mädchen, nicht den Pferden. Pferde mag ich, seit ich denken kann. Es gibt Fotos von mir als Zweijähriger, auf denen ich auf dem Rücken von Bonni, dem Nachbarspferd meiner Großeltern, sitze, so wie ich heute vermutlich auf einem riesigen Weinfass sitzen würde, weil meine Beine damals einfach noch sehr kurz waren und der Rücken Bonnis sehr breit. Als Grundschulkind habe ich es dann mit Unterricht im nächstgelegenen Reitstall versucht. Und das ging irgendwie gründlich schief. Denn ich bin nicht nur vom Rücken eines panischen – eigentlich für den Verkauf und sicher nicht für den Unterricht mit unerfahrenen Reitern bestimmten – Pferdes vor die Reithallenwand geflogen und habe mir dabei den rechten Gesäßmuskel gerissen, sondern habe auch darin versagt, die sozialen Dynamiken der Pferdemenschen zu verstehen und mir damit einen Platz am Stall zu erobern. Rückblickend war ich vermutlich sehr schüchtern. Ich habe nicht verstanden, was von mir erwartet wird – Stallgasse kehren, Heuballen schleppen etc. – und niemand hat es mir erklärt. Und so endete das Kapitel Reitunterricht vorerst mit einem schwarzblauen Bluterguss, an den mich heute eine gefühllose Beule rechts neben meinem Steißbein erinnert.

Und dann kam Polly. Die ältere Schwester meines ersten Freundes besaß ein eigenes Pferd. Dieses Pferd, Polly, stand in einem kleinen und etwas heruntergekommenen Stall auf einem ehemaligen Bauernhof. Hier stolzierten keine Menschen in weißen Reithosen und teuren Lederstiefeln herum, denn alles war matschig. Aber den Pferden ging es gut. Sie standen von morgens bis abends in kleinen Gruppen auf der Weide oder dem Paddock und waren dementsprechend verträglich und entspannt. Es gab weder eine Reithalle noch einen anständigen Sandplatz, aber dafür jede Menge Wald und Wiesen. Polly hat mir beigebracht, wie man als Mensch rücksichtsvoll mit Pferden umgeht. Und als Dankeschön durfte ich mit ihr zahllose lange Ausritte genießen, nur sie und ich im Wald oder auf der Wiese.

Als ich sie kennengelernt habe, war Polly schon eine alte Dame und nach ein paar Jahren konnte sie wegen einer Arthrose in den Hinterbeinen nicht mehr geritten werden. Ich war mittlerweile fast volljährig und hatte genug über Pferde gelernt, um mir die Haltung eines eigenen Pferdes zuzutrauen. Pollys Besitzerin hatte gehört, dass am Stall im Nachbarort ein Pferd zum Verkauf stünde, ein zehnjähriger Wallach namens Lorenc, den sie vor einigen Jahren manchmal geritten war. Lorenc sei sehr schön, ein großes, schwarzbraunes Warmblut aus Tschechien, eigentlich ein Vielseitigkeitspferd, allerdings ziemlich nervös und bei Ausritten auch schonmal ein Pulverfass. Wir beschlossen, Lorenc anzuschauen. Ich erinnere mich noch, wie wir zum ersten Mal in seine Box gingen. Da erwartete uns ein aufmerksames, neugieriges Tier; groß, aber angesichts von gleich zwei menschlichen Besuchern „außer der Reihe“ sehr ruhig. Lorenc ließ sich überall streicheln und machte überhaupt nicht den Eindruck eines Nervenbündels. Viel wichtiger war aber, dass ich ihn einfach wunderschön fand. To make a long story short: Er wurde gekauft. Das schreibe ich im Passiv, weil das Geld dazu nicht von mir, sondern von meinen Eltern – eigentlich von meiner Mutter – stammte, die mit dem Pferdekauf wohl auch ein bisschen ihr Gewissen beruhigen wollte. Denn zuhause lief es nicht so gut, Trennung und so weiter. Das tut aber nichts zur Sache, denn der Pferdekauf machte mich extrem glücklich und hat mir ein paar Jahre voller schöner Erlebnisse beschert.

Über Lorenc, das Spiderpferd, habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Und es klingt vielleicht abgedroschen, weil wahrscheinlich jeder Pferdebesitzer etwas Ähnliches über seinen Schützling sagt, aber: Das Spiderpferd entpuppte sich als unheimliches umgängliches, kluges, verspieltes und offenes Wesen, das jedem Menschen freundlich gesonnen war. Im Gelände konnte man sich keinen zuverlässigeren Partner wünschen. Mit Lorenc habe ich so Sachen wie Wanderritte gemacht – einen ganzen Tag lang unterwegs in deutschen und niederländischen Wäldern. Mit ihm konnte man zur Eisdiele reiten oder durchs Wohngebiet. Wenn Menschen an Zäunen standen – und das tun Menschen häufiger, als man denkt – hielt er an, um sich streicheln und bewundern zu lassen. In sechs Jahren ist Lorenc, das mutmaßliche Pulverfass, ein einziges Mal durchgegangen. Und das war die Folge meiner eigenen Unaufmerksamkeit.

Als er sechzehn Jahre alt war, habe ich Lorenc abgegeben. Ich konnte mir seine Unterbringung trotz mehrerer Nebenjobs kaum leisten und hatte während meines Studiums gefühlt immer zu wenig Zeit für ihn. Obwohl sein neuer (und letzter) Besitzer sich bis zu Lorenc‘ Tod im letzten Jahr wirklich liebevoll um ihn gekümmert hat, hat es mir immer sehr leid getan, dass mir dasselbe nicht gelungen ist. Ich hätte Lorenc den erneuten Wechsel seiner Lebensumstände gerne erspart.

Nach Lorenc kam lange Zeit – nichts. Wie auch? Wenn du einmal ein Spiderpferd hattest – wie soll da noch was kommen? Vor ein paar Jahren habe ich es noch einmal mit Reitunterricht auf Schulpferden versucht. Aber das ist einfach zu weit entfernt vom Umgang mit einem eigenen Pferd, zu dem man über die Zeit eine tiefe Beziehung aufbaut.

Seit gut zwei Monaten habe ich wieder Pferdekontakt. (Das hört sich irgendwie nach Außerirdischen an. Aber so ist es ja irgendwie auch, wenn Menschen und Pferde kommunizieren.) Dreizehn Jahre, seit ich Lorenc abgegeben habe. Ein Jahr, nachdem er gestorben ist. Vielleicht ist die Trauerphase jetzt vorbei – ersetzt durch eine nur noch sentimentale Stimmung, die man meinem Text sicher anmerkt. „Mein“ neues Pferdchen ist ein Holsteinerwallach. Ich habe eine Reitbeteiligung, die aber nicht nur aus Reiten besteht. Eigentlich haben wir uns die vergangenen zwei Monate erstmal kennen gelernt, beim Putzen und bei der Bodenarbeit. Mittlerweile bin ich alt genug, um am Reitstall klarzukommen. Also vielleicht doch noch ein Pferdemädchen.

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

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