Blödmond

Schon fast anderthalb Stunden waren wir zuerst durch die Dämmerung, dann schließlich durch die nächtliche Stadt spaziert, mit einem Eis auf der Hand oder, später, den Händen in den Taschen kreuz und quer durch Straßen und Parks getrabt, unsere Nasenspitzen gen Osten gerichtet, den Blick an die kreisförmige Leerstelle am Horizont geheftet, wo er sich uns zu zeigen versprochen worden war, der Blutmond, das Jahrhundertereignis.

„Blödmond!“, entfuhr es mir irgendwann auf einem staubigen Parkplatz. Und jetzt würde ich gerne schreiben, dass sich unmittelbar im Anschluss wie von Zauberhand langsam eine kleine Wolke zur Seite schob und dahinter — potzblitz! — der blutrote, perfekt kreisförmige, riesengroße, beeindruckende und jahrhundertereignisgerechte Mond zum Vorschein kam, aber so war es nicht.

Stattdessen erfreute ich mich an meiner Wortneuschöpfung und murmelte gut zwei Kilometer weit wie eine Beschwörung: „Blödmond! Von wegen Blutmond, Blödmond. Ha, Blödmond, Blödmond.“

Und dann, gegen halb elf, kurz bevor wir zurück an unserem Ausgangspunkt gewesen wären, sahen wir ihn doch noch. Den zartroten, beinahe ätherischen Blutmond. Das war schön.

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

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