Über Sex kann man nur auf Englisch singen, äh, schreiben.

Jetzt werden aus Nägeln Köpfe gemacht (oder so ähnlich): Es ist allerhöchste Zeit für eine Rezension! Vor ungefähr einem Monat habe ich am Buchdate teilgenommen (hier); mir wurden vom werten Herrn Zeilenende drei Bücher zur Auswahl gestellt (hier), eines davon–nämlich Thomas Glavinics „Das Leben der Wünsche“–habe ich im September gelesen. Heute ziehe ich Bilanz. Huh, das klingt gefährlich. Aber der Reihe nach…

Um dieses Buch geht es:

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Nun zum Inhalt. Jonas, ein Mittdreißiger, hat eine Ehefrau, einen wenig befriedigenden Job in einer Werbeagentur, zwei Söhne, eine (Eigentums-?)Wohnung, eine Geliebte, mindestens eine Ex-Geliebte und einen Kumpel namens Werner, der für die Entwicklung des Plots aber eher unwichtig ist. Was Jonas nicht hat: Größere Ambitionen. Oder ein Lebensmotto. Oder eine Yacht. Okay, wer hat die schon… Eines Tages tritt dann allerdings unverhofft ein halbseidener älterer Herr mit Mundgeruch in Jonas‘ Leben und unterbreitet ihm ein Angebot. Etwa so:

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Laut ebenjenem leicht exaltierten Herrn hat Jonas drei Wünsche frei. Und Jonas wünscht sich–mehr aus einem Reflex denn aus Kalkül–das Leben und den Tod besser zu verstehen, überhaupt irgendetwas zu verstehen; er wünscht sich Dramatik und Besonderheit; er wünscht sich, dem Tod knapp zu entrinnen und weniger träge zu sein.

Be careful what you wish for. Entgegen Jonas‘ Erwartungen wird jeder dieser Wünsche erfüllt–und noch einige mehr (oder es hat zumindest den Anschein, denn so ganz klar ist bis zum Ende nicht, welche Ereignisse wirklich stattfinden und welche Jonas nur träumt/halluziniert). Mit dem Absturz der Gondel einer Seilbahn in den Bergen, an dem Jonas‘ Unterbewusstsein nicht ganz unbeteiligt zu sein scheint, nimmt das Projekt Wunscherfüllung seinen Lauf: Als sei Jonas‘ uneingestandener Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft mit seiner Geliebten Marie erhört worden, stirbt seine Ehefrau Helen plötzlich und unerwartet; Jonas‘ an einer Wachstumsschwäche leidender Sohn wächst unvermittelt ganze vier Zentimeter; seine krebskranke Ex-Freundin gesundet; eine nächtens über die Stadt hereinbrechende Flutkatastrophe befriedigt Jonas‘ stilles Bedürfnis nach Aufregung… Die ungewöhnlichen Vor- und Unfälle häufen sich, die Grenzen zwischen Traum und Wachen, zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Innenwelt und Außenwelt verschwimmen zusehends. Und damit ist der Inhalt eigentlich auch schon erzählt–es gibt zwar eine eindrucksvolle Schlussszene, aber der Roman hat keine „Auflösung“ im eigentlichen Sinne. (Ich muss allerdings gestehen, dass mir viele Details nicht mehr ganz präsent sind… Ich habe den Roman schon vor ein paar Wochen beendet und mein Gedächtnis ist ein Sieb.)

Meine Bilanz. Wider besseres Wissen und das internationale Eckpunktepapier zu gewaltfreier Kommunikation missachtend fange ich einfach mal mit dem Negativen an. Dazu muss ich ein klein wenig ausholen… Drei kluge Literaturwissenschaftler Popmusikanten namens Tocotronic haben irgendwann mal angemerkt: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen, allzu leicht kann’s im Deutschen peinlich klingen.“ Hier ist der Beweis:

Nun singt Glavinic nicht, sondern er schreibt. Den Rat der drei Weisen aus Norddeutschland hätte er trotzdem besser befolgt, denn seine (zugegebenermaßen und gottseidank nicht allzu oft eingestreuten) Beschreibungen des Geschlechtsakts sind für meinen Geschmack eine seltsam ungelenke Mischung aus Explizitheit und dem, was man vielleicht den „Jargon der Uneigentlichkeit“ nennen könnte. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich hier ein Beispiel bringen soll, mich dann aber dagegen entschieden. Das hier ist schließlich ein anständiger Blog für die ganze Familie. Es genügt zu erwähnen, dass ich bei einer sich etwa über anderthalb Seiten erstreckenden Sexszene an Gehacktes und Schraubzwingen denken musste–und dass das vom Autor sicher nicht beabsichtigt war, sondern der unglücklichen Wortwahl geschuldet ist.

And now to something completely different: Was hat mir an dem Buch gut gefallen?

Bis auf die oben monierten Beischlafszenen ist der Roman prima zu lesen. Man findet zwar keine literarischen Trüffel (mir ist bewusst, dass diese Metapher wohl selbst kein literarischer Trüffel ist ;-)), aber immerhin solide, flüssige, angenehm unaufgeregte Prosa.

Ich mag es, wenn in Geschichten etwas aus den Fugen gerät, neben der Spur läuft, wenn die Realität kleine Risse bekommt und das Übernatürliche langsam einsickert. Wenn Grenzen wie jene zwischen Subjekt(ivem) und Objekt(ivem) durchlässig werden. All das ist im „Leben der Wünsche“ der Fall. Und Glavinic löst auch zum Ende des Romans nicht auf, welche Ereignisse „real“ sind und welche lediglich Jonas‘ Phantasie entspringen, gibt keine Antwort auf die Frage, ob Jonas‘ Unterbewusstsein …

Man verzeihe mir an dieser Stelle meine Sprunghaftigkeit. Der Roman will existenzielle Fragen verhandeln–das ist super! Allerdings merkt man ihm das manchmal allzu deutlich an. Im Gegensatz zu einem philosophischen Traktat darf und sollte Literatur meiner Meinung nach eher veranschaulichen als analysieren, die Schlussfolgerungen dem Leser überlassen. Glavinic aber stößt den Leser vor allem gegen Ende der Geschichte so sehr mit der sprichwörtlichen Nase auf zentrale Themen des Buchs, dass es den Anschein hat, als wolle der Autor noch schnell die wichtigsten Punkte aus der „Einführung Erkenntnistheorie“ abarbeiten. Jonas‘ explizites Sinnieren über die Frage, ob wir alle in einer Computersimulation leben, oder der an einer Stelle eingestreute Begriff des „Solipsismus“ wirken so eher wie philosophisches Namedropping und sind in einer literarischen Auseinandersetzung mit diesen Themen eigentlich überflüssig.

Jonas bleibt bei alledem ein bisschen farblos und von den einschneidenden und eigentlich unfassbaren Ereignissen um ihn herum seltsam unberührt. Was empfindet er für seine Ehefrau, seine Geliebte Marie, seine Söhne–und warum? Warum machen der Tod seiner Frau, die lebensbedrohliche Erkrankung seiner Ex-Freundin, die Naturkatastrophe nichts mit ihm–oder jedenfalls nicht so richtig? Vielleicht ist das Absicht, vielleicht soll Jonas einfach den Durchschnittsmenschen verkörpern, der ohne allzu tiefe Gefühle, ohne allzu großes Erschütterungspotential und mit einer gehörigen Portion Egozentrik ausgestattet durch sein Leben stolpert. Oder vielleicht soll Jonas‘ unwirkliche Unberührbarkeit die somnambule Grundstimmung der Erzählung verstärken–das Leben ein Traum; Jonas, der Schlafwandler? Wäre Jonas als Charakter besser ausgearbeitet, könnte man als Leser teilhaben an (s)einem Reflexionsprozess, dann ließe sich „Das Leben der Wünsche“ als eine Art Bildungsroman verstehen, die unglaublichen Geschehnisse als Bedingungen seiner „Menschwerdung“–so geht das nicht.

Das Buch hat trotzdem (mindestens) eine wichtige Moral: Wir sind uns selbst kein offenes Buch. Das, „was uns im Innersten zusammenhält“, unsere wahren Begierden und Beweggründe sind uns oft nicht zugänglich. Wenn wir zu unserem eigenen Beobachter werden, müssen wir zu unserem eigenen Bedauern häufig feststellen, dass wir uns in uns selbst nicht auskennen. Insofern ist „Das Leben der Wünsche“ auch als Aufforderung zu verstehen, uns selbst besser kennenzulernen.

Ein subjektives Fazit in–den Anschein von Objektivität erweckenden–Punkten, wobei null Punkte=unterirdisch und fünf Punkte=hervorragend. „Das Leben der Wünsche“ bekommt von mir drei von fünf Punkten. Oder dreieinhalb. 

Und Fazit Nummer zwei: Rezensionen liegen mir nicht so.

Nummer drei: Obwohl ich hier im Beitrag ein bisschen rummäkel, hat das Buchdate mir wirklich Spaß gemacht! Und „Das Leben der Wünsche“ gehört trotz aller Kritik zu den Büchern, die ich problemlos und mit Freude in wenigen Tagen von Deckel zu Deckel lesen konnte. Danke deshalb nochmal ans Zeilenende für die spannenden Vorschläge und an euch beide, Zeilenende und Wortgeflumselkritzelkram, fürs Organisieren!!!

 

 

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

13 Kommentare zu „Über Sex kann man nur auf Englisch singen, äh, schreiben.“

  1. Ich gestehe: Ich habe deinen Beitrag nur übersprungen ….Dieses Buch liegt nämlich noch auf meinem SuB und ich werde es wohl erst in den nächsten Wochen lesen. Also verwahre ich mir deinen Beitrag auf, bis ich es auch gelesen habe und „vergleiche“ dann unsere Eindrücke 🙂

  2. Zu Fazit No. 2: Aber deine Rezension war doch sehr unterhaltsam und macht – mit Einschränkungen (1.5 Seiten Fleisch-Wort-Verrenkungen, wenn ich es richtig interpretiere) neugierig auf das Buch 🙂

  3. Ich finde, Rezensionen liegen der sehr wohl. Und Sprunghaftigkeit zeichnet ja auch das Buch aus, auch wenn es gleichzeitig nur so dahinplätschert. Wenn Rezension und Buch zusammenpassen, finde ich das immer schön.
    Ich finde es übrigens auch interessant, wie du – wie auch ich – zu der Erkenntnis kommst, dass es ein ordentliches Buch ist (Es ist zugegebenermaßen nicht Glavinics bester Roman, aber derjenige, der inhaltlich am Besten zu deinen Vorlieben passte.), wie aber unsere Interpretation an manchen Stellen auseinander läuft, wir uns nur einig sind, dass der Herr G. notorisch uneindeutig ist und sich so alles offen hält.
    Das klingt jetzt kryptisch, gell? Was ich meine: Ich denke, gerade das, was du an Glavinic „bemängelst“, macht er mit voller Absicht, damit man es bemängelt. Und das finde ich so wundervoll. Gerade das Ende habe ich als Nörgelei am erhobenen Zeigefinger mancher Teile der Gegenwartsliteratur (Juli Zeh ist da so ein Beispiel, auch wenn ich sie gerade deshalb mag), genau so wie ich seine Beschreibung des Aktes zwar nicht mag (ich glaube, ich habe es meist nur überflogen), aber auch genau das passend fand, weil Jonas für meine Begriffe beziehungs- und liebesunfähig ist. Und der Sex damit auch nichts anderes ist als irgendwas zwischen Gymnastik und intellektuell überhöhtes Ding der Vereinigung von Körpern zu Kugelmenschen wie bei Platon. Und eben kein Ausdruck von Liebe mehr.
    Japp … Das macht die Szenen nicht besser. Ich kann deine Kritik voll verstehen. Und freue mich, dass wir beide unterschiedliche Perspektiven auf das Buch hatten, es aber beide mögen. 🙂

    1. Nachtrag: Habe ich erwähnt, dass ich ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Tocotronic habe? Ich bin mir nie sicher, ob ich das mag oder für gesungene, trockene Proseminarsliteratur halten soll. ^^

      1. Oh, das kann ich absolut nachvollziehen! Ich komme mir selbst ein bisschen infantil vor, wenn ich einen Tocotronic-Tag habe und zu „Freiburg“ oder ähnlichem durch die Wohnung hüpfe. Aber ich hab irgendwann beschlossen, Tocotronic trotzdem zu mögen. Und mindestens einmal pro Jahr zu einem ihrer Konzerte zu gehen. Irgendeine Macke muss man ja kultivieren 🙂

    2. Jonas als liebesunfähig–das passt. Er ist jedenfalls ein nicht sehr angenehmer Charakter. Ich hab mich während der Lektüre auch ertappt, sowas zu denken wie „Irgendwelche Einsichten hat der gar nicht verdient“… weil Erkenntnis (und die eingangs formulierten Wünsche) für Jonas nur etwas zu sein scheinen, was halt „nice to have“ ist, wofür es sich aber nicht zu arbeiten/zu kämpfen/zu leiden lohnt.

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