Versöhnung (ein Brief mit max. 1500 Zeichen)

Lieber Paul,

seit unserem Zerwürfnis über die Sinnhaftigkeit des Matheunterrichts in weiterführenden Schulen habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Dreisatz, Umsatz, Absatz—welche Zeitverschwendung! Jahre später sitze ich an einem lauschigen Fleckchen tief in der Mongolei und schlürfe den Morgentau vom harten Steppengras, während ich auf die ersten Anzeichen der angekündigten Sonnenfinsternis warte. Die Einsamkeit der kargen Landschaft macht mich hoffnungslosen Vagabunden nachdenklich… Ich bin ein Esel, Paul; meine frühere Unversöhnlichkeit ist mir heute völlig unverständlich. Schließlich sind wir zusammen aufgewachsen, haben unsere ersten Schlucke Fencheltee aus derselben Schnabeltasse genommen—erinnerst du dich an die Samstage, an denen deine Mutter uns stets mit den Worten „Es gibt Zikadellen!“ zum Mittagessen rief? Und später auf der Grundschule konnte dir bei deinen akrobatischen Verrenkungen auf dem Fahrradlenker niemand das Wasser reichen! Um es kurz zu machen, Paul: Bitte verzeih mir meine nun bereits knapp vierzig Jahre andauernde Sturheit. Ich würde mich freuen, dich während meines nächsten Heimataufenthalts einmal besuchen zu dürfen.

Dein (immer noch durchgeknallter) ehemaliger Nachbar und bester Freund

Hans-Herbert

P.S.: Bitte entschuldige die Flecken auf dem Briefpapier. Das ist kein Fliegendreck, sondern Eyeliner.

Werbeanzeigen

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s