Kernfusion

Lena war—mein Lebensmensch. Meine Seelenverwandte. Diese Topf-Deckel-Geschichte fanden wir albern, ich hab sie immer meine Funktion genannt, sie mich ihr Argument. Da sieht man mal, was die Wissenschaft aus uns gemacht hat… Jedenfalls war sie meine erste und einzige Liebe.

Wir haben uns während des Studiums kennengelernt, unser Pflichtpraktikum im selben Labor absolviert. Schon nach wenigen Wochen stand für uns fest, dass wir den Rest unseres Lebens gemeinsam erleben wollen. Die Institution der Ehe aber, da waren wir uns einig, sei überholt. Ein Auslaufmodell, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, ein politisches Instrument zur Wahrung von Besitzständen, angestaubt und moralisch mindestens fragwürdig.

Wahrscheinlich haben wir uns auch deshalb irgendwann zu einem ziemlich radikalen Eingriff entschlossen, der Kernfusion. Wir wollten uns eben wirklich verstehen, im wahrsten Sinne des Wortes die Empfindungen des Anderen nachempfinden, mitfühlen. Eins werden, verschmelzen, Funktion und Argument.

Unsere Forschungsarbeit zu Aufbau und Funktion des Mandelkerns, der Amygdala, war unser gemeinsames Baby; wir hatten Jahre vor dem MRT zugebracht, bevor die Zeit reif war für unser Humanexperiment. Den Tag, an dem wir unsere Mandelkerne ausgelesen und ihre Information für die spätere Synthese extern gespeichert haben, haben wir feierlich begangen. Ein Sektfrühstück am Morgen, ein letzter leidenschaftlicher Kuss vor dem Anschluss ans EEG, vor der Neuformatierung der Amygdala und dem Aufspielen der fusionierten Daten…

Die Gefühle haben mich überwältigt. Ich wurde überflutet von Lenas Angst, tief, fremd, dunkel, wie etwas Wildes, Urzeitliches. Nie zuvor Gefühltes brach über mich herein, ich bekam keine Luft, mein Mund wurde trocken, mein Herz wummerte dumpf in meinem Brustkorb, ich glaubte zu spüren, wie meine Pupillen sich nadelspitz verengten. Ich war umgeben von etwas Unaussprechlichem, umspült von ewiger Düsternis, unfähig, mich zu bewegen oder gar zu schreien. Ich weiß nicht genau, wie lange meine Paralyse andauerte. Irgendwann fing ich an, meine Umgebung wieder wahrzunehmen, ich bemerkte, dass ich mich auf meinem Laborstuhl eingenässt hatte, schweißnass klebte mein Kittel an meinem Oberkörper.

Lena, die ganze Lena, hat den Eingriff nicht überlebt. Ein Teil von ihr, der dunkle Teil, lebt in mir weiter. Ich spüre sie, jeden Tag, ihre uralte Angst, die Lena-Interpretation dieses menschlichen Universals. Und ich bin dankbar, dass mir etwas von ihr bleibt.

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

Ein Gedanke zu „Kernfusion“

  1. Ich bin leider erst jetzt zum Lesen deiner Geschichte gekommen. Ich mag sie sehr, auch weil in ihr drin ein tiefer Sinn steckt und ich viel für mich heraushole. Zum Beispiel, sich selbst (Lena = sein inneres Wesen) ganz und gar zu akzeptieren, damit zu verschmelzen und in sich aufzunehmen, ohne Vorbehalte. Dass das auch heisst, dass man den Sprung in den Abgrund wagt und sich die Erlaubnis gibt alles zu fühlen, besonders die unsagbar tiefe Angst.
    Und das Beste: man kann all das überleben 🙂
    Danke dir,
    Dagmar

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