Broterwerb

„Schön, dass ihr da seid, liebe Hörer, mein Name ist Damian und ich freue mich auf unsere heutige Sendung. In der Leitung habe ich Thomas aus dem Sauerland. Thomas, wenn ich dich richtig verstehe, hast du einen eher ungewöhnlichen Job—magst du uns erzählen, womit du dein Geld verdienst?“

„Hallo Damian, na klar. Die meisten von euch haben sicherlich schon einmal von Leuten gehört oder gelesen, die gegen Bezahlung Beziehungen beenden. Nicht ihre eigenen, sondern die Beziehungen ihrer Auftraggeber. Es gibt da diesen Film, ‚Der Schlussmacher‘—mit Schweighöfer in der Hauptrolle, glaube ich, der bringt die Idee ganz gut rüber. Schweighöfer betreibt da eine Trennungsagentur.“

„Du machst also professionell mit Leuten Schluss?“

„Nicht ganz, ich habe die Idee weiterentwickelt. Die Leute, die einen Schlussmacher beauftragen, möchten ja eine eher unangenehme Aufgabe vermeiden, indem sie sie delegieren. So wie der Unternehmenschef, der die Entlassungen der Mitarbeiter vom Personalleiter vornehmen lässt. Für den Personalleiter ist die Aufgabe aber nicht weniger unangenehm. Was ich damit sagen will: Ich habe mir überlegt, warum sollte ich die unangenehmen Aufgaben übernehmen? Was, wenn ich als Personalleiter nur für die Einstellung der Mitarbeiter zuständig wäre, aber nicht für’s Kündigen?“

„Hmm, verstehe, Kündigen ist ja auch ein bisschen unmoralisch.“

„Genau! Und dann habe ich mich gefragt: Was ist heutzutage die wichtigste Ressource? Zeit! Und davon haben manche Menschen immer zu wenig, Investmentbanker zum Beispiel, oder CEOs von börsennotierten Unternehmen.“

„Aha, ja.“

„Die Leute leben für ihre Arbeit, möchten aber trotzdem eine funktionierende Ehe, Familie, tiefe Freundschaften, vielleicht auch eine Affäre. All diese Dinge sind Zeitfresser; wer kann es sich schon erlauben, täglich mit der eigenen Frau zu telefonieren, oder sich regelmäßig nach dem Befinden der Freunde zu erkundigen? Oder nach den richtigen Geschenken für die Kinder zu suchen? Der CEO sicher nicht.“

„Deshalb gehen ja auch viele Ehen kaputt, weil ein Partner—oder beide—zu viel arbeiten. Da vergisst man irgendwann, sich umeinander zu kümmern.“

„Exakt. Und mein Job ist es, für die nötige Stabilität im Leben vielbeschäftigter Manager zu sorgen, indem ich die gesamte persönliche Kommunikation übernehme—abgesehen vom Face-to-Face natürlich.“

„Wie muss ich mir das konkret vorstellen?“

„Okay, ich hatte zum Beispiel einen Klienten aus der Versicherungsbranche, ein ziemlich hohes Tier. Zwei schulpflichtige Kinder, Ehefrau, drei, vier alte Freunde aus Studentenzeiten, nichts Besonderes. Zu Beginn unserer Geschäftsbeziehung hat mein Klient mir Zugang zu all seinen persönlichen Daten verschafft, ich habe Zugriff auf seine persönlichen E-Mails, seinen Facebook-Account, benutze sein privates Mobiltelefon, und so weiter. In unserer Zielvereinbarung haben wir festgelegt, wie oft ich mit jeder der Personen aus seinem persönlichen Umfeld Kontakt aufnehme und welche Kanäle ich dabei nutze. Was genau ich schreibe oder sage, bleibt mir überlassen—wichtig ist, dass das Umfeld meines Klienten sich wertgeschätzt und verstanden fühlt. Ich kümmere mich außerdem um Geburtstage, Hochzeitstage, Kennenlerntage… Bestelle Blumen, überrasche mit einem Buchgeschenk oder einem Schmuckstück, finde das perfekte Geschenk für die Kinder…“

„Wow, das klingt nach einer verantwortungsvollen Aufgabe.“

„Definitiv.“

„Gab es mal Probleme?“

„Hmm, ja, einmal gab es Schwierigkeiten.“

„Ja?“

„Ja, also dieser Klient aus der Versicherungsbranche, der hat mir am Jahresende einen Bonus gezahlt. Weil er so zufrieden war mit meinem Service. Ich hatte mir große Mühe gegeben, seiner Frau immer wieder Gedichte geschrieben, sehr einfühlsam auf ihre Mitteilungen reagiert und so. Irgendwann hatte ich so einen Draht zu ihr, auch zu den Kindern—ich musste kaum noch überlegen, was ich schreiben solle, es floss einfach so aus mir heraus.“

„Das ist ja schön. Und verständlich, scheint mir.“

„Ja, wir hatten ja immerhin über ein halbes Jahr täglich Kontakt miteinander. Naja, jedenfalls bekam ich diesen Bonus und außerdem einen handgeschriebenen Brief.“

„Von deinem Klienten?“

„Ich bin mir nicht sicher, vielleicht hat seine Sekretärin ihn geschrieben. Aber das spielt keine Rolle, es war der Inhalt des Briefs, der für mich zum Problem wurde.“

„Was stand denn drin?“

„Mein Klient hat mich für die exzellente Arbeit gelobt, seine Frau würde ihm jetzt viel liebevoller begegnen und gelegentlich über den Kopf streicheln, und die Kinder würden ihn wieder ‚Papa‘ nennen an den Wochenenden und ihm von der Schule erzählen.“

„Das müsste dich ja eigentlich freuen, oder?“

„Ja, es müsste. Hat es aber nicht. Stattdessen wurde ich eifersüchtig. Ich weiß nicht so recht, wie ich meine Gefühle erklären soll… Es war ein Stück weit meine Familie geworden, verstehst du? Ich wollte sie nicht mehr hergeben. Es hat mich ganz krank gemacht, die Vorstellung, dass sie an Weihnachten mit meinem Klienten unter dem Weihnachtsbaum sitzen würden.“

„Und dann?“

„Dann bin ich hingefahren, zu der Frau und ihren zwei Kindern. Habe mich vorgestellt, ihr die ganze Geschichte erzählt von der Zusammenarbeit mit ihrem Mann. Habe ihr gestanden, dass ich mich in sie verliebt hätte und so weiter.“

„Puh, Thomas, ganz schön heftig… Wie hat sie denn reagiert?“

„Es war nicht leicht, sie war sehr verwirrt, anfangs. Es hat gedauert, bis sie erkannt hat, dass ich es ernst meine.“

„Wie meinst du das? Was ist passiert?“

„Die Weihnachtstage hat sie mit den Kindern bei den Großeltern verbracht, sie brauchte ein paar Tage Bedenkzeit. Aber seit Silvester sind wir zusammen. Wir lieben uns, und die Kinder mögen mich. Die Scheidung ist eingereicht.“

„Und dein Klient?“

„Dem habe ich seinen Bonus zurückgezahlt. Das konnte ich nicht annehmen, das Geld. Ich bin ja schon so reich beschenkt worden.“

„Wahnsinnsgeschichte, Thomas. Es war toll und total spannend, mit dir zu reden. Alles Gute für dich und deine kleine Familie!“

„Danke, Damian! Und gute Nacht.“

„…und ein neuer Hörer ist in der Leitung, ich begrüße Wolfgang aus Köln. Hallo Wolfgang!“

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

2 Kommentare zu „Broterwerb“

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