Opa bekommt Besuch

Menschen wie unseren Großvater nennt man in Fachkreisen „Early Adopter“. Opa stand technischen Innovationen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber; zu unserer Freude besaß er früher als die meisten anderen gewöhnlichen Menschen eine Satellitenschüssel, ein Faxgerät und einen Heimcomputer.


Großvater begrüßte den Anbruch des Internetzeitalters. Für uns Enkel, die wir von Opas Technikbegeisterung wussten, kam sein Wunsch nach einem Internetanschluss nicht überraschend; einige Nachbarn aber fragten sich, was ein älterer Herr, der vor seiner Verrentung nicht etwa Ingenieur, sondern Landwirt gewesen war, wohl im World Wide Web wolle. Das Herumtreiben im Netz solle man vielleicht besser der jüngeren, flexiblen Generation überlassen. Aber Opa, seit jeher ein Starrkopf, ließ sich nicht beirren und einen Zugang verlegen.

Eines Nachmittags vertraute Großmutter uns an, dass Opa sich neuerdings etwas merkwürdig verhalte. Weil er seine Tage—und immer häufiger auch die Nächte—größtenteils im Büro verbringe, bekomme sie ihn nur mehr zu den Mahlzeiten zu Gesicht; bei den Tischgesprächen sei er kurz angebunden und verbitte sich Fragen nach seinem Befinden. Dabei wirke er seltsam appetitlos, habe an Gewicht verloren, und seine Haut erscheine ihr ganz grau. Sein Steckenpferd, das Internet, belaste außerdem die Haushaltskasse, denn in jüngster Zeit bestelle er Unmengen an Büromaterial und technischem Gerät. Der Drucker und das Faxgerät arbeiteten ohne Unterlass; wenn sie an der Türe lausche, könne sie überdies ein konstantes hohes Fiepen vernehmen. Manchmal komme es ihr vor, als höre sie Großvater nachts in einer fremdartigen Sprache reden, jedoch verstumme er, sobald sie angestrengter horche. Sie sei ratlos und wisse weder sich noch ihm zu helfen. Sie könne auch nicht feststellen, was er tatsächlich in seinem Büro treibe, denn er schließe stets die Tür hinter sich ab.

Als uns Opa an jenem Nachmittag im Hausflur begegnete, nickte er nur kurz in unsere Richtung, bevor er murmelnd in seinem Zimmer verschwand. Auf unsere Fragen, wie es ihm gehe und ob er uns nicht Gesellschaft leisten wolle, reagierte er nicht. Wir beschlossen, ihm einen Notizzettel mit der Bitte um ein Gespräch unter der Bürotür durchzuschieben—vielleicht würde Opa sich durchringen können, schriftlich mit uns zu kommunizieren. Doch Opa antwortete weder auf jene erste Notiz, noch auf die Briefe, die wir ihm in den folgenden Tagen schrieben.

Wenige Wochen später erreichte uns ein Anruf von Großmutter. Opa sei zu seinem Hausarzt gefahren, um den alljährlichen Vorsorgetermin wahrzunehmen, und habe den Schlüssel zu seinem Büro neben dem Waschbecken vergessen.

Meine Schwester machte sich unverzüglich auf den Weg zum Haus der Großeltern.

Befremdet berichtete sie zwei Stunden später, das Büro sei nicht wiederzuerkennen gewesen, sie sei sich nicht einmal sicher, ob man das, was sie gesehen habe, noch als Zimmer im engeren Sinn bezeichnen könne. Im Zentrum dessen, was einmal das Büro gewesen sei, befinde sich nun eine mattschwarze Kugel von der Größe eines Kleinwagens; die Wände seien mit vage elektronisch anmutenden Geräten verstellt, welche unablässig summten und blinkten; auf dem Schreibtisch stapelten sich Papiere mit bizarren Formeln bis zur Decke. In einer Ecke des Raums habe Großvater sich wohl eine Art Nest gebaut, Decken lägen dort und, vereinzelt, Daunenfedern. Sie könne leider nichts Genaueres über den Inhalt der Papiere sagen, denn schon bald habe sie Opas Auto an der Hofeinfahrt gehört und den Raum verlassen müssen.

Bestürzt überlegten wir, was zu tun sei. Wir erwogen, die Tür zum Büro noch an diesem Abend gewaltsam zu öffnen und Großvater zur Rede zu stellen, kamen jedoch letztlich überein, dass es klüger sei, zunächst einen Psychologen zu Rate zu ziehen.

Am nächsten Morgen war Opa verschwunden.

Die Tür zu seinem Büro stand offen. Im Raum war es eigenartig still. Die technischen Geräte an den Wänden schienen abgeschaltet, und wir konnten keinerlei Bedienelemente finden. Bis auf den papierbeladenen Schreibtisch und das Nest in der Ecke war der Raum leer; die Kugel, die den Beteuerungen meiner Schwester zufolge gestern noch den Raum beherrscht hatte, war nicht mehr da. Als ich einen Schritt auf den Schreibtisch zu machen wollte, konnte ich meinen Schuh nur schwer vom Boden lösen. Unter der Sohle befand sich eine zähflüssige, klebrige Masse von hellem Grün, die sonderbar süßlich roch.

Unvermittelt begann das Faxgerät—oder was wir dafür hielten—zu summen und spie einen Zettel aus. „Macht euch keine Sorgen“, stand dort in grünlichem Schleim geschrieben, „ich hatte Besuch und komme nicht wieder.“

Großvater ist bis heute verschollen. Die Tür zu seinem Büro haben wir irgendwann wieder abgeschlossen, die eigentümlichen Gerätschaften an den Wänden blieben dauerhaft stumm. Gelegentlich flackert die Straßenlaterne vor seinem Bürofenster, dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz…

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

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