Zu kurz gedacht

Früher dachte ich, es sei ausreichend, sein Leben einfach so zu leben. Bei der ausgiebigen Lektüre diverser Internetblogs wurde mir dann langsam klar, dass das zu kurz gedacht war.

Ich begann, mein Leben endlich auch als Projekt zu begreifen, und nahm einige Anpassungen vor. Zuerst fing ich an, Sport zu treiben. Ich kaufte mir Sportschuhe, legte mir Sportshirts mit langen und kurzen Ärmeln zu, Sporthosen, Sportsocken, Sportunterwäsche, eine Sportbrille, Sportmütze, Sporthandschuhe, Sporttasche, Sportkontaktlinsen, Sportshampoo und -duschgel, Sportlernahrung, einen Sportkalender. Als sich herauskristallisierte, dass der mir gerechte Sport das Laufen sei, kaufte ich mir Laufschuhe, Laufshirts mit langen und kurzen Ärmeln, Laufhosen, Laufsocken, Laufunterwäsche, eine Laufbrille, Laufmütze, Laufhandschuhe, Lauftasche, Lauflinsen, Läufernahrung, einen Laufkalender. Leider gab es weder Laufshampoo noch Laufduschgel, weshalb ich mich fortan nach längeren Läufen sandstrahlte.

Als ich eines Nachmittags nach einem anstrengenden Intervalltraining mit sandigen Haaren und samtweicher Haut auf dem Sofa lag, begriff ich, dass es nur konsequent sei, weitere Bereiche meines Lebens zu projektifizieren.

Nach einigen Nahrungsmittelexperimenten ging ich dazu über, mich ausschließlich von Schnecken zu ernähren. Die Mollusken sind nicht nur äußerst mineralhaltig, weil sie sich überwiegend auf Sand, Kies und Lößboden fortbewegen, sondern auch aus ernährungshistorischer Perspektive eine vernünftige Wahl: Schnecken gibt es schon seit dem Kambrium, so dass sie bereits dem Steinzeitmenschen und all seinen genetischen Vorgängern zur Verfügung standen. Anfangs bereitete ich die kleinen Racker in der Pfanne zu, heute verzehre ich sie roh, um Teflonschlacken in meinem Verdauungstrakt zu vermeiden. Merke: Produkte aus der Weltraumforschung haben in der Küche nichts zu suchen!

Meinen Schlafrhythmus protokollierte ich fortan mit meinem Smartphone aus fairer Haltung. Ich hatte eine ausgefuchste App programmiert, die mich morgens mit freundlichen Stromstößen weckte und mich auch tagsüber, wenn ich einzunicken drohte, mit sanfter Gewalt an meine Tagesziele erinnerte.

Um die Durchblutung meiner Fußsohlen anzuregen, hatte ich den Boden der Wohnung mit Kokosmatten ausgelegt. Auf diese simple und umweltfreundliche Methode, kalten Füßen vorzubeugen, war ich im Blog eines seelenverwandten Minimalisten gestoßen. Irgendwann verlegte ich auch meinen Schlafplatz auf den Boden, das Bett spendete ich notleidenden Kindern von gegenüber.

Angenehmer Nebeneffekt: Das fehlende Bett schaffte Platz für neue Laufutensilien. So konnte ich endlich den MetaRun von Asics erstehen, dessen dialektische Sohlenkonstruktion den Läufer zur laufimmanenten Reflexion über die eigene Lauftätigkeit befähigt. (Kaufempfehlung: http://www.asics.com/de/de-de/metarun.)

Einige meiner sogenannten Freunde hatten sich mittlerweile von mir entfernt. Ich kann nicht sagen, dass mich das sehr beunruhigt hätte. Getreu dem buddhistischen Motto: „Umgib‘ dich mit Menschen, die dir guttun und lasse alle anderen fallen wie einen Reissack, der dich am Fliegen hindert“ hatte ich meinen Freundeskreis im Geiste bereits auf wenige ausgesuchte Lifestyleoptimierer eingedampft.

Gemeinsam wagen wir heute das Unmögliche, denn aus großer Kraft folgt große Verantwortung. Carpe diem.

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

2 Kommentare zu „Zu kurz gedacht“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s