Taktgeber

Irgendwann, ich muss wohl ungefähr 13 Jahre alt gewesen sein, geriet mein Herz aus dem Takt. Zwischen zwei Schulstunden wechselten wir den Klassenraum, ich ging eine oder mehrere Treppen hoch, und hatte mich gerade auf dem Boden des Flurs vor dem—noch verschlossenen—Raum niedergelassen, in dem die nächste Unterrichtsstunde stattfinden sollte, als mein Herz zu stolpern begann. Ich spürte drei, vier wuchtige Schläge, Arrhythmie, dann war es vorbei. Mein Herz tat wieder Dienst nach Vorschrift, als sei nichts gewesen.

In der Folge suchte ich verschiedene Ärzte auf, mir wurde mitgeteilt, gelegentliche Extravaganzen des Herzrhythmus seien unbedenklich, und irgendwann überwand ich meine Todesangst und akzeptierte das unvermeidliche Stolpern. Als ich älter und weiser wurde, nahm ich kleinere Veränderungen an meinem Lebenswandel vor. Ich verzichtete weitgehend auf Alkohol und Zigaretten, fing an, Sport zu treiben, achtete auf ausreichend Schlaf und meist auch auf gesunde Ernährung.

Trotzdem fand mein Herz seinen Takt nicht wieder. Anfangs stolperte es nur gelegentlich, häufig lagen mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen, zwischen den einzelnen Episoden. Irgendwann rumpelte es manchmal tagelang so vor sich hin, eine Extrasystole jagte die nächste, Kaskaden von Fehlschlägen, begleitet von einem hellen Stechen. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an den eigenwilligen Taktgeber in meiner Brust erinnert wurde.

Dann fasste ich einen Plan.

Zuerst besorgte ich mir eine Flasche Single Malt. In der kleinen Apotheke an der Ecke erstand ich ein Fläschchen Jodtinktur. Kabel, Krokodilklemmen, und einen Bausatz für einen astabilen Multivibrator erwarb ich im Elektronikfachhandel, Zink- und Kupfernägel fand ich in der Werkzeugkiste. Ich holte den Kasten mit dem Verbandszeug aus dem PKW. Zuletzt kaufte ich die Zitronen, 500 Gramm in Bioqualität.

Ich will nicht sagen, dass der Eingriff schmerzlos verlief, aber der Single Malt machte die Sache erträglich. Was bringt es schon, angesichts des Unvermeidlichen in Wehklagen auszubrechen? Den Sinusknoten zu finden war ein bisschen knifflig, aber dank meiner gewissenhaften Vorbereitung gelang mir auch das. Beim Zusammenbau der Schaltung hatte ich mir mit Youtube-Videos beholfen. Mit den Krokodilklemmen befestigte ich die Vorrichtung am Sinusknoten. Es piekste ein ganz klein wenig, ich biss die Zähne zusammen und nahm einen Schluck aus der nur mehr halbvollen Whiskyflasche. Als ich die Blutung im Griff hatte, kam der entscheidende Moment: Ich schnitt die Zitrone entzwei, steckte den Kupfernagel in die eine, den Zinknagel in die andere Hälfte—sanf-t, sanf-t, sanf-t schlug mein Herz, monoton, ich war erleichtert.

Ob ich die Methode uneingeschränkt empfehlen würde, weiß ich nicht. Im Winter lassen sich die Zitronen hervorragend in einem Mantel mit großen Taschen unterbringen, im Sommer allerdings trage ich seit der Operation eine wenig ansehnliche Gürteltasche mit mir herum. Größere Sorgen bereitet mir allerdings die Nachschubfrage—die Politik erwägt seit wenigen Wochen ein Embargo zu verhängen, weil sich die zitronenerzeugenden Staaten wiederholter Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben. Im Moment informiere ich mich deshalb über Kartoffeln.

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Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

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