Aphorismen wörtlich genommen #1

Fast eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen: Es wird Zeit für eine neue Kategorie, „Aphorismen wörtlich genommen“. Heute an der Reihe:

„Die ersten fünfzig Jahre des Lebens sind Text, der Rest ist Kommentar.“ (Schopenhauer)*

Schopenhauers Aphorismus schindet, dem Gastgeber der nächsten anstehenden Geburtstagsparty salopp vor die Füße geschnoddert, ganz bestimmt Eindruck — aber hat Schopi Recht? Ist diese Perspektive auf die Lebensjahre jenseits der 50 nicht ganz schön pessimistisch? Oder doch gar nicht so schlimm? Wie man Schopenhauers Bonmot deutet, hängt davon ab, welche Bedeutung man dem Kommentar beimisst.

Was unterscheidet einen Text vom Kommentar?

Vielleicht hatte Schopenhauer die Dichotomie von Primär- und Sekundärliteratur vor Augen, als er seinen Gedanken für die Nachwelt festhielt, wahrscheinlicher ist aber, dass er an die Kommentierung des Geschriebenen durch den Autor selbst dachte. Die einfachste Form dieser Selbstkommentierung ist die Fußnote. So, wie Whitehead zufolge die Philosophiegeschichte aus wenig mehr als „Fußnoten zu Platon“ besteht, würden die verbleibenden Lebensjahre nach dem 50. Geburtstag dem Plot des Lebens nicht mehr viel hinzuzufügen haben. Struktur, Spannungskurve und Handlungsverlauf des Lebens wären längst festgeschrieben — alles, was bliebe, wäre der Kommentar, der Verweis auf schonmal Dagewesenes, die Systematisierung der eigenen Erfahrungen.

Jenseits der 50 passiert also nicht mehr viel — oder eben das Entscheidende. Der Kommentar, den wir unserem gelebten Text hinzufügen, macht uns unser eigenes Leben erst verständlich. Im Kommentar erschaffen wir eine zusammenhängende Lebensgeschichte, eine Erzählung. Wir ziehen Bilanz, erkennen Muster, stellen Querverbindungen her.

Die Frage „Wer bin ich?“ wird in der Rückschau beantwortet.

 

*Danke an Christiane für den Aphorismus

Autor: alienaid

Mein Wahlspruch: Verklären statt Erklären!

2 Kommentare zu „Aphorismen wörtlich genommen #1“

  1. Hmm, ich neige auch eher zu der „optimistischen“ Interpretation… Würde den „Kommentar“ also als das Eigentliche verstehen, gar nicht so sehr als „Rausfallen aus dem Leben“, sondern vielleicht als ein tieferes Verständnis davon, was es heißt, zu leben. Ich glaube, wenn man älter wird, lernt man sich selbst besser kennen und verstehen, man sieht vielleicht Muster im eigenen Leben und Handeln, die einem vorher verborgen waren, man bekommt ein Auge für das „big picture“–erkennt, was einen antreibt, wonach man sich wirklich sehnt, wer man im Grunde seines Herzens ist und sein möchte.

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